Brückenkopf am Bosporus

Eine boomende Wirtschaft, junge Konsumenten und gute Verbindungen nach Nahost: Für den deutschen Mittelstand bieten sich viele Chancen in der Türkei. Gute Karrierechancen bieten sich auch für türkischstämmige Deutsche. von Melanie Hofmann

Die Wirtschaft am Bosporus boomt. Im ersten Halbjahr 2010 legte sie um elf Prozent zu. Damit wächst sie neben China am stärksten weltweit. Für das zweite Halbjahr wird ein Wachstum von knapp zehn Prozent erwartet, aufs Jahr gerechnet geht die türkische Regierung von sieben Prozent Zuwachs aus.

Davon profitiert auch der deutsche Mittelstand. “Deutschland ist der stärkste Wirtschaftspartner der Türkei und die Entwicklung gestaltet sich rasant”, sagt Michael Maasmeier, Wirtschaftsbotschafter der Türkei und deutscher Repräsentant der Investment Support and Promotion Agency (ISPAT), die dem türkischen Premierminister unterstellt ist. Zwischen 1954 und 2004 siedelten sich etwa 1400 deutsche Unternehmen in der Türkei an. In den vergangenen sechs Jahren hat sich diese Zahl mehr als verdreifacht. “Mit aktuell 4335 deutschen Unternehmen in der Türkei, Tendenz konstant steigend, nimmt Deutschland in puncto ausländischer Direktinvestitionen seit Jahren einen Spitzenplatz in der Türkei ein”, sagt Maasmeier.

“In der Türkei herrscht derzeit Goldgräberstimmung”, sagt Bülent Uzuner, Vorstandsvorsitzender der IT-Firma Business Technology Consulting (BTC). Sie hat vor einiger Zeit einen IT-Dienstleister in Istanbul übernommen und betreut von dort seither den türkischen Markt. Schwerpunkte liegen dabei auf SAP-Beratung, Netzleittechnik und Softwareentwicklung für die Energieversorgung. “Jetzt ist die Zeit für deutsche Unternehmen, sich in der Türkei zu positionieren”, sagt Uzuner.

Bindeglied zum Nahen und Mittleren Osten

uch andere Marktvorteile machen die Türkei interessant: “Neben der geostrategisch günstigen Lage, die ein enormes Plus für den Export in weitere Länder des Nahen und Mittleren Ostens ist, bietet die Türkei einen großen Binnenmarkt mit einer riesigen und stetig wachsenden, jungen Bevölkerung”, sagt Maasmeier. Derzeit leben etwa 72 Millionen Menschen in der Türkei, die im Schnitt nur 28,5 Jahre alt sind. Zum Vergleich: Der Durchschnittsdeutsche ist über 40 Jahre alt. Zudem hat die Türkei fast eine halbe Million Hochschulabgänger im Jahr. Die Regierung lockt mit Steuervorteilen und einem liberalen Investitionsklima.

“Die Türkei und Europa sind wirtschaftlich sehr verflochten, obwohl die Bedeutung Europas für die türkische Wirtschaft bereits abnimmt. Andere Regionen werden wichtiger, was die Türkei für den deutschen Mittelstand aber auch interessanter macht”, sagt Tobias Baumann, Leiter des Referats Russland, Ost- und Südosteuropa, Türkei, Zentralasien beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Aufgrund ihrer guten Verbindungen in die Nachbarländer könne die Türkei der deutschen Wirtschaft in geeigneten Bereichen als Partner und Plattform für neue Märkte gerade im Nahen und Mittleren Osten dienen. “In der Türkei ist in den vergangenen Jahren ein dynamischer Mittelstand entstanden”, sagt Baumann, “der mit den deutschen Strukturen in manchen Aspekten vergleichbar ist.” Große deutsche Investoren wieBayerBASF oder Mercedes-Benz haben ihren Zulieferern den Weg in die Türkei geebnet und so die Grundlage für eine entsprechende türkische Industrie geschaffen.

Der regulierte Arbeitsmarkt birgt Gefahren

Allerdings erschwert der in hohem Maße regulierte Arbeitsmarkt den Unternehmen die Beschäftigung. “Tatsächlich ist der Anteil der Schattenwirtschaft relativ hoch”, sagt Baumann. Weiter habe die Türkei zwar einen starken Binnenmarkt, aber seit Jahren auch immer wieder ein relativ hohes Defizit in der Leistungsbilanz. “Das könnte unter weniger günstigen Bedingungen langfristig zu einer Verschuldungsfalle führen.”

Ein weltweit einzigartiger Vorteil deutsch-türkischer Kooperation sind die fast drei Millionen Türkeistämmigen in Deutschland. “Ich denke, dass Menschen, die gut ausgebildet sind und beide Sprachen sprechen, in den kommenden Jahren gute Karrierechancen bei vielen Unternehmen in Europa haben werden”, sagt Maasmeier. Die Kenntnis beider Sprachen und Kulturen biete viele Potenziale für junge Deutschtürken, eine Schnittstelle zu deutschen Unternehmen in der Türkei darzustellen.

Diese Vorteile kann auch Bülent Uzuner bestätigen. Er hat seinen deutschtürkischen Assistenten als Geschäftsführer in der Firma in Istanbul eingesetzt. Er warnt aber auch vor dem Risiko: “Es ist nicht selten, dass gut ausgebildete junge Deutschtürken jetzt in die Türkei gehen und dort ihr Glück suchen, weil sie keine Lust mehr auf die unfair geführte Integrationsdiskussion haben.” Aber auch Baumann vom DIHK sieht das Problem der Abwanderung: “Angesichts der aktuellen Fachkräftedebatte müssen wir uns fragen, warum wir als Arbeitsplatz für gut ausgebildete Türken oder Deutsche türkischer Herkunft oftmals nicht hinreichend attraktiv sind.”

http://www.ftd.de/karriere-management/management/:priviligierte-partnerschaft-brueckenkopf-am-bosporus/50197741.html#

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