Naechste Ausfahrt : ISTANBUL, weil die Türkei so erfrischend anders ist !

“Wir gehen überall hin, wo der Automobilbau eine große Rolle spielt. Und jetzt gehen wir in die Türkei.” Für den Motorenbauer Ernst Scheid ist der Schritt nur logisch. Er will dabei sein und mitmischen, wo sich was tut in seiner Branche. “In den letzten Jahren sind sehr viele ausländische Firmen in die Türkei gegangen – aber es haben auch viele türkische Firmen in die Entwicklung von Produkten investiert”, sagt er. Scheid ist Geschäftsführer der FEV aus Aachen, einem Entwicklungsdienstleister für Antriebstechniken. Bislang hat er den türkischen Markt von Deutschland aus bedient, im Dezember kündigte er eine neue Niederlassung am Bosporus an.
Fast 16 Mrd. Dollar haben Unternehmen aus aller Welt 2011 in das Land gesteckt. Damit belegt die Türkei Rang 13 der beliebtesten Standorte für ausländische Direktinvestitionen. Die Vorteile haben sich herumgesprochen: ein starkes Wirtschaftswachstum, eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung und ein strategischer Standort zwischen Europa und dem Nahen Osten und Asien.
Verkauf und Produktion von Kfz in der Türkei
“Vor etwa zehn Jahren sah es so aus, als würde sich der Iran als Nahtstelle zwischen Ost und West für die Automobilindustrie entwickeln”, sagt Scheid. Als dieser Trend aus politischen Gründen stockte, habe die Türkei die Lücke gefüllt.
Mit über einer Million produzierten Fahrzeugen kam sie 2010 auf den 16. Platz unter den automobilherstellenden Ländern. 2011 nahm die Produktion trotz Finanzkrise um 8,6 Prozent zu und brach damit weiter Rekorde. Die Automobilindustrie ist ein wichtiger Faktor für die türkische Wirtschaft. “Die Branche hat sich schon lange auf einem hohen Niveau etabliert, und es sind alle großen Player im Land vertreten”, sagt Frank Kaiser, Leiter Markterkundung und Markteintritt bei der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer. Dabei machen die Autobauer nicht nur guten Umsatz, sondern stellen auch viele Jobs: über 300.000 Menschen arbeiten in der Branche.
Eine weitere Chance: Die Türkei soll ihre eigene Automarke bekommen. Die konkretesten Pläne hat bisher die Koc-Gruppe vorgestellt – eine Gemeinschaftsproduktion mit Fiat. “Natürlich kann man sich streiten, ob das nötig ist, hier gehen auch die Meinungen innerhalb der Branche auseinander”, sagt Kaiser von der AHK. Das Projekt scheine aber gut anzulaufen.
Die Regierung unterstützt die Automobilbranche und andere Wachstumssektoren nach Kräften. Mithilfe ihrer Agentur für Wirtschafts- und Investitionsförderung will sie große Investoren locken. Dafür schafft sie in bestimmten Förderzonen satte steuerliche Vergünstigungen. Wenn Firmen genügend Geld mitbringen, erlässt der Staat ihnen einen Teil der Unternehmenssteuer, bietet Zinsvergünstigungen und übernimmt einen Anteil an der Sozialversicherung. Zudem hat er die Körperschaftssteuer von 30 auf 20 Prozent gesenkt, in manchen Zonen werden Unternehmen gänzlich davon befreit.
Doch wozu solche Anstrengungen? “Die Türkei hat immer noch Nachholbedarf”, sagt die Frankfurter Beraterin Isinay Kemmler. “Es liegt also auf der Hand, technologisches Know-how von außen zu holen.” Kemmler unterstützt deutsche Unternehmen beim Gang ins Ausland und ist spezialisiert auf die Türkei.
Regierung fördert ITDa das Land wirtschaftlich in der obersten Liga mitmischen will, braucht es Hightech. Zugpferd neben der Autoindustrie ist der Sektor IT und Telekommunikation (ITK). Zwischen 2002 und 2010 ist der türkische ITK-Markt jährlich um 14 Prozent gewachsen. Die Zahl der Internetnutzer überstieg im September 2011 die Marke von 50 Millionen – das sind rund zwei Drittel der Einwohner. “Das ist auch interessant für Technologieunternehmen aus Deutschland, die in ihrer Heimat keine Fachkräfte finden”, sagt Kemmler. Die Türken sind gut ausgebildet, die Arbeitslosigkeit ist mit gut zehn Prozent recht hoch.
Das Wachstum fördert die Regierung mit Technologieparks, sogenannten IT-Valleys. Von 39 ist die Rede, 27 davon sind bereits in Betrieb. Wie in der Autobranche nutzen Weltkonzerne wie HP, Microsoft, Toshiba, SAP und Siemens die Türkei als Sprungbrett in den Nahen Osten, nach Zentralasien und Osteuropa.
“Was die Märkte in der Nachbarschaft angeht, ist noch Luft nach oben”, sagt Ümit Özdurmus, Globaler Leiter des SAP-Sicherheitsgeschäfts. “Die türkischen Unternehmen haben deren Bedeutung erkannt und beginnen, dort zu investieren.” Das mache die Türkei nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig interessant.
Auch der nordafrikanische Markt wird von der Türkei aus bedient: “Produkte aus der Türkei haben eine solide Qualität, die zu einem vernünftigen Preis hergestellt wird. Das ist für Länder, denen Produkte aus Deutschland zu teuer sind, sehr interessant”, erklärt Scheid vom Motorenbauer FEV.
Er hofft auf Nordafrika – und will die Region über die Türkei versorgen. “Wir entwickeln derzeit Produkte für den türkischen Markt. Die müssen robuster, einfacher und vor allem kostengünstiger sein.” Und diese fänden sicher auch in Ländern mit weniger wohlhabender Bevölkerung ihre Abnehmer.
Und doch geht nicht alles aufwärts am Bosporus. Die Wachstumszahlen des Jahres 2011 sind vor allem der ersten Jahreshälfte zu verdanken – im Herbst bekam auch die scheinbar so starke türkische Wirtschaft die Finanzkrise zu spüren. Im Januar und Februar dieses Jahres lagen die Verkaufszahlen laut einer Schätzung des türkischen Automobilverbandes mit knapp 180.000 verkauften Pkw um 30 Prozent unter den Verkäufen im gleichen Zeitraum 2011.
Der Automobilsektor ist stark vom Export abhängig. “Wenn die Zahlen in Deutschland nach unten gehen, dann sinken sie eben auch in der Türkei”, sagt Beraterin Kemmler. Branchenverbände kritisieren außerdem die hohe Abhängigkeit der türkischen Firmen von Zulieferungen aus dem Ausland. Sie fordern ihre Mitglieder deswegen auf, zum Beispiel Motoren und elektronische Teile selbst herzustellen.
FEV-Geschäftsführer Scheid machen die aktuellen Zahlen keine großen Sorgen. “Wir haben das schon immer etwas zurückhaltender beurteilt”, sagt er. “Es dauert nun vielleicht alles ein bisschen länger, bis sich Investitionen auszahlen, aber das schreckt uns nicht ab.”
Der Optimismus der vergangenen Jahre hat sich in seinen Augen ausgezahlt. “Es gibt Märkte, in denen Bedenken überwiegen und die deshalb sehr verhalten reagieren”, sagt der Motorenbauer. Die Türkei sei erfrischend anders. Man nehme mehr Risiken in Kauf, um Chancen wahrzunehmen. “Es ist oft eine richtig gute Gründerstimmung zu spüren.”
Auch Kaiser von der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer stellt der Türkei ein gutes Zeugnis aus: “Mit dem Begriff ,Boom‘ habe ich mich ohnehin schwergetan”, sagt er. Selbst als die internationalen Medien Loblieder auf das Land gesungen hätten, habe er immer versucht, die Situation nüchtern zu betrachten.
Und selbst dann sehe es immer noch sehr gut aus für die wirtschaftliche Zukunft. Das macht er auch an der gestiegenen Innovationstätigkeit fest: Die Zahl der Patentanmeldungen durch türkische Personen wachse rasant, während die Zahl der Anmeldungen durch Ausländer auf und ab gehe. “Das ist ein sehr positiver Trend. Die Türken möchten nicht nur günstige Hersteller für Europa und den Rest der Welt sein, sondern Marken aufbauen und ihr Land zum Innovationsstandort machen”, sagt Kaiser.
Ein weitere große Chance liege in der Konsumfreude der überwiegend jungen Bevölkerung. Sie habe das Wachstum beschleunigt. Allerdings sei ein erheblicher Teil des Privatkonsums kreditfinanziert – das könne eines Tages zum Problem werden.

http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/:tuerkei-naechste-ausfahrt-istanbul/70028680.html

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