Die unsichtbaren Menschen von Istanbul

Leben und arbeiten in Istanbul, oder in der Türkei, davon träumen die meisten Türkeistämmigen. Die meisten, die diesen Schritt noch nicht gegangen sind, können nicht wissen, dass sie ein schiefes Türkei-Bild haben, denn der Kreis dieser Menschen wird nicht weniger.

Die einen, die die Realität vor Ort am eigenen Leibe gespürt haben, kehren dieser Tage in Scharen zurück nach Deutschland und die anderen, sind am Planen und wollen tatsächlich in die Türkei ziehen. Ist wirklich jeder seines Glückes Schmied?

Wie ist es z. B. mit den 300.000 Kindern und 600.000 Erwachsenen aus Istanbul, aus einer Stadt, wo das Meer, das Wasser das Hauptelement zu sein scheint, noch nie am Meer waren?

Der Stadtteil Ikitelli auf der europ. Seite, rühmt sich damit, das weltgrößte Gewerbegebiet mitten in der Stadt zu sein und ist gerade mal 9 km vom Marmarameer entfernt. Im Rahmen einer Studie befragten Studenten der Istanbul Universität, 512 Schüler einer Grundschule. 100 von diesen waren noch nie am Meer. Über 300 Schüler glaubten, der Dolmabahce Palast (eigentlich mitten in der Stadt am Meer gelegen), in Ankara wäre.

Der Bürgermeister vom Stadtteil Esenler, 5 km vom Meer entfernt, stellte fest, dass 40% der Kinder in seinem Stadtteil, noch nie am Meer waren und organisiert seitdem für diese, unter dem Namen „Willkommen Bosporus“ Bootstouren. Jede Woche können Tausend Kinder mitfahren.

Ich staunte nicht schlecht, als ich im Fernsehen vor einigen Jahren erfahren musste, dass es Zehntausende von Menschen gibt in Istanbul und Ankara, die nicht nur ihren Viertel, sondern ihre Straße ein Leben lang nicht verlassen hatten.

Kann es eine bessere Momentaufnahme geben, als diese Situation. Das, was die Menschen Leben nennen, spielt sich in nur einem Stadtteil bzw. auf einer Straße ab.

Diese Menschen sind auch Wähler. Nach welchen Kriterien wählen sie? Verspricht man ihnen, die Straße, die für sie die Welt bedeutet, attraktiver zu machen?

Oft erwähne ich die schockierende Zahl, dass aktuell 52% der Türken (Türkstat), die im arbeitsfähigen Alter sind, am Arbeitsleben nicht teilnehmen und folglich nicht zu den Arbeitslosen gezählt werden. Dass einige nicht nur am Arbeitsleben teilnehmen, sondern nicht einmal die Straße verlassen, wo sie leben, kommt bei solchen Studien dann heraus.

Ich möchte nichts kommentieren. Meint Ihr, dass diese Menschen so dahinvegetieren, weil es der Türkei so gut geht? Zum Glück ist der Familienverband und die Hilfsbereitschaft der Türken so stark, dass es, im Vergleich zu Industrienationen, verhältnismäßig weniger Obdachlose gibt.

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