Mann beißt Hund!

Es tut mir in der Seele weh, wenn ich von solchen Dingen erfahre. „Trotz Lehrstelle droht dem Ägypter die Ausweisung“. Dann auch noch mit Foto. Ich denke, ich könnte es besser verkraften, wenn kein Foto dabei wäre. Schaut Euch ihn an (aber gleich, zuerst zu Ende lesen). Ich bilde mir ein über die Jahre mir Menschenkenntnis angeeignet zu haben und sage: „Hier haben wir einen herzensguten Menschen, der niemandem etwas Böses tun würde vor uns.“

Auch wenn alle rechtlichen Wege erschöpft erscheinen, hoffe ich dennoch, dass ein Weg gefunden wird, dass er in Deutschland bleiben kann. Wo Menschen entscheiden, gibt es immer einen Weg. Auch wenn kein Ermessensspielraum mehr da ist, wie es in dem Beitrag gesagt wird, gibt es immer noch Möglichkeiten diese zu schaffen.

Ich weiß nicht, wie oft solche Schicksalsschläge sich in Deutschland abspielen, aber ich hoffe, nicht zu viele. Über solche Geschehnisse erfahren wir immer wieder, denn es ist eine Nachricht wert. Bekanntlich ist es nicht annähernd so interessant, wenn der Hund seinem Besitzer in den Bein beißt als umgekehrt.

Es gibt sicherlich viele Fälle, die genau Gegenteiliges zum Inhalt haben, nur, wenn interessiert das? Ich erzähle von so einem Fall, denn es betraf mich persönlich.

Bekanntlich musste ich die Türkei verlassen, weil ich meine Meinung sagte. Ich stehe heute immer noch dazu, denn dass was ich zu sagen hatte, war um vieles besser für das türkische Volk, als das was der Herr Erdogan sagte und am Ende machte.

Ich war gegen die Verfassungsänderung, ich war für die Demokratie, ich war für die Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit, ich war für die Einhaltung der Menschenrechte und ich war gegen das Ein-Mann-Regimes und Ausverkauf der Türkei.

KALTSTART X

Nun gut, es passierte und es passierte nicht das erste Mal, dass ich bei Null anfangen musste. Das war auch der Grund, weshalb ich mein Buch, das ich bald herausbringen werde, Kaltstart X – „Wie oft kann man im Leben von vorne anfangen?“, genannt habe. Der Unterschied zu den letzten Malen? Ich war die letzten Male jünger.

In Berlin angekommen

Dank meinem lieben netten Freund, denn ich, „Allerbester“ oder aber schlimmstenfalls “Bester“ nenne, landete ich in Berlin. In meine alte und ewige Heimat Köln zog es mich nicht. Irgendwie gehe ich immer ganz und nie halb. Wenn ich aus einer Stadt wegziehe, komme ich nicht mehr zurück, um dort zu leben. Berlin kannte ich von meinen früheren Geschäftsreisen, und es war Liebe auf dem ersten Blick. Wer Istanbul liebt, der muss Berlin lieben.  Noch was am Rande, der „Allerbeste“ und ich waren uns vorher nie begegnet.

Hätte er mir nicht eine Bleibe angeboten, wäre ich bestimmt in einer anderen Stadt in Deutschland gelandet. Wenn ich dann dort, genauso wie in Berlin über ein Jahr lang, keine Wohnung gefunden hätte, hätte ich Kontakt zu einem der Schlepperbanden geknüpft, die Menschen nach Deutschland einschmuggeln. Da die immer leer zurückfahren, die Logistiker hassen Leerfahrten, hätte ich mich in die Türkei einschleusen lassen. Was danach passiert wäre? Keine Ahnung.

Nicht Gut Menschen, sondern gute Menschen

Die Zeit verstrich und die wechselnden Probleme begleiteten und begleiten mich, aber jetzt komme ich zu den guten Menschen, über die man nie berichtet.

Wegen der Familienzusammenführung war ich beim Amt in Brandenburg. Dem Beamten sagte ich, dass ich einen Vorbescheid für einen Aufenthaltstitel bräuchte, damit ich meine Familie nach Deutschland holen kann. Wie ich denn auf den Vorbescheid käme, dass hätte er in 27 Jahren noch nie ausgestellt, war seine Reaktion. Danach sprach nur er. „Sie sagen, dass Ihr Sohn in zwei Monaten Schulbeginn hat, das klappt nicht. Er soll nächstes Jahr mit der Schule anfangen. Schauen Sie, das ist ein Massengeschäft und da sind noch 146 Ordner vor ihnen zu bearbeiten und ich bin ganz gründlich, wenn sie falsche Belege in den Antrag tun, bekomme ich das raus.  Also, machen Sie das, was ich Ihnen sage, zuerst den Antrag in der Türkei stellen.“

Ich sagte, dass wegen meiner besonderen Situation ich den Tipp mit dem Vorbescheid von der deutschen Botschaft in Ankara bekommen hätte. „Ach was, wie kommen die denn da drauf?“ Jedenfalls hat er in den zehn Minuten, die ich mich in dem Raum aufhielt, meinen Namen nicht erfahren können. Er kam nicht dazu.

Ich liebe Menschen, die mit wohlwollen an die Sache rangehen

Ab da, traf ich nur nette, hilfsbereite, wohlwollend agierende Menschen in den Ämtern. Über einen sehr guten Freund verschlug es mich nach Aschaffenburg. Irgendwie komme ich nicht dazu, irgendwo heimisch zu werden, stelle ich abermals fest. Was soll ich sagen, hier lief es wie am Schnürchen. Lachende Gesichter, bei denen ich mich sofort angekommen fühlte. Als Deutscher verlangte ich nichts, was mir bzw. uns nicht zustand, aber wenn die Reglementierungen und Gesetze, in den Händen wohlwollender Menschen sind, klappt es halt besser. Trotz der knappen Zeit konnte mein Sohn pünktlich zum Schulbeginn in Deutschland sein. Es ist nicht alles so schlecht in Deutschland, wie es ausschaut und die Leute einem weißmachen wollen, weil man nur nicht darüber berichtet.

Es gibt den einen Mächtigen, der über alle und alles bestimmt

Auf die Türkei trifft das auch zu. Es gibt die Guten und die Bösen. Es gibt den einen Mächtigen, der alle nach seiner Pfeife tanzen lässt und nur seinen eigenen Nutzen daraus zieht, dann gibt es die, die gar nicht wissen, was abgeht und ihm applaudieren. Umso schleierhafter, dass diese auch unter den türkischstämmigen Akademikern aus Deutschland anzutreffend sind. Menschen, die sich dem Rechtsstaat wohlfühlen und für die Diktatur in der Türkei sind.

Und dann gibt es noch die, die aus Angst vor Repressalien, schweigen und leiden. Ach ja, und es gibt noch die, die es ganz dicke haben, schweigen und es sich gutgehen lassen.

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