EINMAL HINGESCHAUT: Meer ist nicht immer mehr

Meine heutige Kolumne aus dem Tagesspiegel. Ahmet Refii Dener über unterschiedliche Lebenswelten.
Man muss nicht dort gewesen sein, aber wer sich Istanbul vorstellt, der denkt an Wasser. Das Marmarameer ist in Istanbul ein derart beherrschendes Element, dass man glauben könnte, man wäre auf einer Insel. Dass in Istanbul Menschen leben, die noch nie in ihrem Leben das Meer gesehen, geschweige denn ihr Viertel verlassen haben – das kann man sich wirklich nicht vorstellen. Aber es gibt sie. Über dreihunderttausend Kinder und sechshunderttausend Erwachsene hier kennen das Meer nicht.

Im Stadtteil Maltepe, direkt am Meer gelegen, organisiert man für Menschen, die schon zwanzig Jahre und länger in der Stadt leben, Touren zum Wasser. Und das, obwohl der entfernteste Punkt vom Marmarameer in Maltepe gerade einmal neun Kilometer entfernt ist.

Ein Leben nur im eigenen Stadtteil bedeutet für viele Menschen „Leben“. Berieselt von den Erdogan-Medien, eigentlich nur beschränkt auf das Fernsehen, bekommen sie ihr Weltbild. Die Welt – das ist größtenteils die Türkei. Ich kenne einige dieser Reportagen aus dem Fernsehen über diese Einwohner Istanbuls, die das Meer noch nie gesehen haben. Darunter sind Menschen, wie du und ich. Damit meine ich ihr Erscheinungsbild und die Art, wie sie sich geben. Da ist nur diese eine Besonderheit: Ihre Welt endet in der Straße oder dem Viertel, in dem sie leben.

Diese Menschen gehen bei den Wahlen wählen und haben sicherlich eine Meinung darüber, was für sie gut und was für sie schlecht ist. Oder wofür sie sich Zeit nehmen können und wofür nicht. Offensichtlich gehört nicht dazu, ab und zu mal am Meer spazieren zu gehen, vielleicht auch wegen des täglichen Überlebenskampfes.

Dafür reisen andere ziemlich weit, um am Meer Urlaub zu machen. Die Deutschen haben im letzten Jahr zweiundfünfzig Milliarden Euro ausgegeben, um Urlaub mit Strand und Wellen zu machen. Daraus kann man ersehen, dass es etwas Besonderes ist, dort zu sein.

In den neunziger Jahren begegnete ich in Didim, an der türkischen Ägäis, Menschen, die ihre Häuschen direkt am Strand hatten und von ihrem Leid erzählten: „Schau dir diesen Mist an, wo du auch hinschaust, nur das Blau des Meeres, überall nur Wasser.” Diese Familien waren wegen des Baus eines riesigen Staudamms in Ost-Anatolien umgesiedelt worden. Sie lebten jetzt so, wie es sich ein jeder nur erträumen konnte. Glaubte ich bis zu dieser Begegnung.

Foto: Balcilar

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