Mailand, Burdur, Neuss: Coronavirus Importe

Am 19. März 2017 stieg ich vom Top-Türkei-Berater deutscher und Schweizer Unternehmen, zum Dissidenten auf und musste wegen der Meinungsunfreiheit die Türkei verlassen. In Berlin angekommen, suchte ich mir mein Büro aus. Schon in der Türkei arbeitete ich zumeist in Starbucks-Filialen. Nicht wegen dem Kaffee, sondern die Innenausstattung, der Kühle im Sommer und das WiFi, waren für mich entscheidend. Jetzt werdet Ihr sagen, dass die Innenausstattung nicht so besonders ist. Stimmt! Mir ging es nur darum, dass die überall identisch waren. So konnte ich mich in allen Filialen eines Landes wohl fühlen, denn alles sah aus wie in den anderen Büros (Filialen). Also musste ich mich nicht umstellen.

Starbucks Ecke Fasanenstraße – Kurfürstendamm war mein erstes Büro in Berlin. Schon am ersten Tag fiel mir auf, wie viele junge Chinesen um mich herumsaßen, schrieben, sprachen, schrieben, sprachen: Deutsch!

Neugierig wie ich bin, fragte ich in die Runde und erfuhr, dass manche von chinesischen Unternehmen, andere vom Staat nach Berlin geschickt wurden, damit sie hier die Sprache lernten. Sie sollten später mit ihren perfekten Deutschkenntnissen im chinesisch – deutschen Handel/Wirtschaft zum Einsatz kommen. Meine Bewunderung für diese Weitsicht der Chinesen kannte keine Grenzen. Da ich fast jeden Tag da war, wie die auch, nannten sie mich den „Immer lachenden Nichtchinesen“. Eher rechnete ich mit „Sitting Bull“ aber umso besser. Wie das auf Chinesisch hieß? Vergessen bzw. schon damals konnte ich es kaum aussprechen.

Ich änderte meine Büroadresse

Als ich mein Büro wechselte und zum Starbucks im Sony-Center wechselte, hatte ich eine tolle Begebenheit. Am Nebentisch saß ein chinesisches Paar, beide um die 25 Jahre alt. Ich hörte kein Chinesisch, kein Deutsch, nein Italienisch vom Feinsten. Es sieht so unwirklich aus, wenn eindeutig als Chinesen zu identifizierenden Personen Italienisch sprechen. Ich konnte nicht weiterarbeiten, die Konzentration war dahin. Ein erster Blickkontakt und die Frage in Deutsch: „Seid Ihr Italiener?“ Schon machten sie in Deutsch sich lustig, wie typisch italienisch sie aussahen. „Woher könnt Ihr so gut Deutsch und Italienisch?“ Sie erzählten, dass sie drei Jahre, um Italienisch zu lernen in Mailand waren. In Italien gäbe es eine starke Kolonie an Chinesen, die dort zu Billiglöhnen „Made in Italy“ produzierten. Die chinesischen Produkte, die in Europa vertrieben werden sollten, würden zuerst in Italien ankommen und von dort aus in die einzelnen europäischen Länder verteilt werden.

Was in Italien passierte, soll in der Türkei nicht möglich sein?

Jetzt merkt Ihr auch, wie das Coronavirus verstärkt nach Italien kam. Da dachte ich auch an die Türkei. Als ich noch dort lebte, war ich einige Male wegen Marmorgeschäfte in der Stadt Burdur. Mir fielen die vielen Chinesen in der Stadt auf. Alle waren sie wegen dem Marmor da. Dann erfuhr ich, dass einige sogar dort vor Ort lebten, um die Lieferungen nach China zu überwachen, die per Schiff über Antalya dorthin gelangten.

Die Unfähigkeit Mehrwert zu schaffen hat in der Türkei Tradition

Marmor ist eines der Paradebeispiele, wie die Türkei die Chancen verpasst an den Produkten Geld zu verdienen. Rohmarmor, unverarbeitet als Block nach China verkaufen und dann als fertiges Produkt z. B. in Form von Fliesen aus China wieder importieren. „Warum setzen alle China-Fliesen ein?“ „Weil die günstiger sind als andere Fliesen!“ dann die Antwort. Um wie vieles wäre es günstiger, wenn auch die Verarbeitung im Lande* passieren würde? So kann ich euch noch viele Beispiele bringen, wo die Roh-/Grundstoffe Türkisch sind, aber das fertige Endprodukt aus dem Ausland importiert ist. Im Fall von Marmor sind das mit dem Schiff insgesamt 20.000 km. die zurückgelegt werden müssen. Roh hin, konfektioniert zurück.

China ist überall

Nun gut, wie in Italien, müssen auch die türkischen Chinesen ständig in die Heimat und zurückreisen. Könnt Ihr Euch vorstellen, dass die Türkei-Chinesen um so vieles gnädiger waren und das Coronavirus nicht ins Land geschleppt haben?

Gerade fällt mir ein, dass ich in den 90er Jahren viel mit Textil handelte und dabei auch China-Ware vermittelte. Immer fuhr ich nach Neuss. In der Nachbarschaft von Imotex, hatten die Chinesen ihr Hauptquartier. Heute noch?

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