Havah Nagilah, La vie en rose, Steinway & Sons und ich

Zufällig begegne ich dem Song „La vie en Rose“ von Edith Piaf im Internet und schon werden Erinnerungen wach.

Die Türkei hat erst vor wenigen Jahren mit kleinen Wohnungen Bekanntschaft gemacht. Davor waren die Wohnungen schon ziemlich groß und immer mit Balkon, was man heute schon weglassen kann. In der Wohnung meiner Großeltern war das Wohnzimmer durch eine Glastür aus Milchglas in zwei Teile getrennt. So wie in den vielen Filmen, in denen ein Zimmer existiert, das immer verschlossen ist, so dass man neugierig wird, was sich wohl dahinter verbergen könnte, so war es auch bei denen. Der Unterschied war, wir wussten alle was in dem verschlossenen Teil des Wohnzimmers war. Nämlich der Staubfänger des Hauses, ein Steinway-Flügel. Als mein Vater und mein Onkel noch jung waren und mit der Familie lebten, spielten sie drauf, doch danach wurde er lediglich gehegt und gepflegt. Für die Pflege des guten Stücks war die Schwester von Oma, die im Haushalt lebte, zuständig. Wie der Steinway-Flügel aussah, in welchem Glanz er erstrahle, kann ich Euch am besten veranschaulichen, wenn ich euch erzähle, wie die Aprikosen, nach einer Behandlung durch unsere Tante, die Sauberkeitsfanatikerin war, aussahen. Glatt und glänzend wie ein polierter Apfel. Wie in vielen türkischen Haushalten von früher, fehlte auch die gehäkelte 1 x 1 Meter decke nicht. Die Decke war ein Dekorelement, das nicht fehlen durfte. Je komplizierter die Motive, umso schicker fand man die Decke. Wenn man dem Steinway-Flügel mit der Decke drauf begegnen würde, würde man sicher eher über die Decke reden, als das Instrument darunter, das jedem Pianisten die Augen hätte erstrahlen lassen.

Die Wohnzimmerhälfte hatte auch eine Tür zum Korridor hin. Zwar war die Tür abgeschlossen, aber der Schlüssel steckte. Immer wenn ich in der Wohnung der Großeltern war, musste ich als Kind unbedingt rein. Von der anderen Seite der Milchscheibe konnte man den Steinway und mich unschwer als Silhouette erkennen. Man ließ mich machen. Ich machte jedes Mal das gleiche und spielte das einzige Stück auf dem Klavier, das ich beherrschte. Havah Nagilah, ist ein hebräisches Volkslied, das traditionell bei jüdischen Feiern gesungen wird. Dass es kein kompliziertes Stück ist, merkt man, wenn man den Text mit den vielen Wiederholungen kennt.

Hava nagila,
Hava nagila,
Hava nagila,
Venis mecha.

Hava nagila,
Hava nagila,
Hava nagila,
Venis mecha.

Hava neranena,
Hava neranena,
Hava neranena,
Venis mecha.

Hava neranena,
Hava neranena,
Hava neranena,
Venis mecha.

Uru, Uru achim,
Uru…

Wie man es auf dem Klavier spielte und den Text hatte ich bei den jüdischen Hochzeiten unserer Nachbarn zu den damals schöneren Zeiten in Istanbul aufgeschnappt, wo wir alle zusammen in Eintracht lebten. Immer wenn ich das Stück spielte und dazu Hava Nagila sang, eilte Opa in den Raum. Sein Arbeitszimmer war nämlich direkt gegenüber der Tür von der Wohnzimmerhälfte. Er hörte mir bis zum Schluss zu und stellte die Masterfrage, wie eigentlich immer: „Kannst du jetzt auch La vie en Rose spielen?“ Sein Lieblingsstück. Woher sollte ich es können, wir hatten keine französischen Nachbarn und folglich gab es keine französischen Hochzeiten, wo ich hätte das aufschnappen können.

Übrigens, auf die Gefahr hin, dass mein Vater oder mein Onkel vorbeikommen und auf dem Steinway-Flügel spielen könnte, wurde es jedes Jahr von einem Meister gestimmt. Sicher ist sicher. So war mein Opa, korrekt und gründlich bis in die Haarspitzen.

Der Steinway-Flügel beschäftigte mich ungemein und so stellte ich Opa die Frage, wie man dieses riesige Teil in das Zimmer in den vierten Stock schaffen konnte, wo doch das Treppenhaus ziemlich eng war und kein Aufzug existierte. Diese Frage war, was ich nicht erahnen konnte, etwas ganz Besonderes für einen 8 Jährigen, meinte Opa zu anderen und lobte mich in den Himmel hoch, was für ein heller Kopf ich doch war.

Tatsächlich war der Transport teurer als das Klavier. Es gab damals keine Kräne in Ankara, die etwas vier Etagen hochhieven konnten. Also konstruierte er etwas, womit man den Flügel hochzog, die Fensterrahmen wurden entfernt und der Flügel wurde in den Raum gebracht. Für einen Mann, der Professor für angewandte Physik war, sicher nicht außergewöhnlich. Es soll sogar ein Pressefoto gegeben haben, vom fliegenden Klavier, als es hochgehievt wurde.

Es waren schöne Aufenthalte bei meinen Großeltern. Interessanter war die dritte Etage, ein Stockwerk tiefer. Die Wohnung konnte nicht vermietet werden, weil sie all die Geschenke und Mitbringsel von ihren Gastprofessuren im Ausland dort aufbewahrten. Bücher über Bücher, die später der Bibliothek der Universität von Ankara gegeben wurden u.v.a. Was mir noch in Erinnerung geblieben war, war eine große Flasche 4711 Kölnisch Wasser. Die Flasche war fast 40 Jahre alt und ungeöffnet. Die Neugier trieb mich und ich machte die Flasche auf. Es roch grausam. Von Essig- bis Schwefelgeruch, war alles drin. Deshalb mag ich wohl auch kein Kölnisch Wasser.

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