Geschichten, wie ich sie mag – Armut, Not und die helfenden Herzen

Geschichten und Geschichten, aber solche mit einem Happy End mag ich am liebsten. Traurige Wahrheit der Türkei, aber dennoch mit einem guten Ende, zumindest für drei Personen. Euch so etwas von Angesicht zu Angesicht zu erzählen, käme für mich überhaupt nicht in Frage, denn ich bin zu nah am Wasser gebaut.

Die Geschichte betrifft den Cousin eines Freundes aus Alanya. Der Cousin ist Bäckermeister in der Stadt Bursa, einer der umsatzstärkeren. Hier seine Worte:

„Ich bin im oberen Stock und beobachte über die Monitore, was im Laden und davor auf der Straße passiert. Wir verkaufen viele Brote und ich denke, wir sind einer der größeren Bäckereien in der Stadt. So geben wir auch viel kostenloses Brot an Bedürftige raus, die es dieser Tage viele gibt. Seit ca. zehn Minuten beobachte ich eine Frau mit der kleinen Tochter vor dem Laden, die auf und ab gehen und gelegentlich in den Laden gucken. Wären wir ein Juwelierladen, hätte ich schon längst die Polizei angerufen. Stattdessen ging ich runter und fragte sie.“

„Liebe Frau, Sie  gehen hier auf und ab, kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“

„Entschuldigen Sie mich, ich habe Sie unnötig belästigt.“ sagte sie.

„Wenn Sie Brot brauchen kommen Sie ruhig rein, ich gäbe es Ihnen vom Herzen!“

Sie wollte zuerst nicht akzeptieren, aber mein Drängen war erfolgreich. Sie kamen beide rein. Wir setzten uns an einen Tisch. Per Handzeichen bestellte ich noch Tee und sonstiges Gebäck, das  einer meiner Angestellten auf den Tisch stellte.

„Fühlen Sie sich nicht schlecht, denn unsere Tür ist für jeden offen. Hier bekommen täglich viele Brot umsonst. Essen Sie zuerst, danach können wir ja immer noch sprechen.“ sagte ich und entfernte mich eine Zeit lang. Zu sehen, wie hungrig die beiden waren, dass sie ohne zu kauen alles runterschluckten, sorgte bei mir für Herzschmerz. Sie bekamen eine zweite Tasse Tee. Sie schlürfte dran und sagte: „Gestern hat mein Mann eine andere Frau mit ins Haus gebracht. Wir sollten die Wohnung augenblicklich verlassen. Es war zwei Uhr in der Nacht, als ich das Haus mit meiner Tochter verließ. Zuerst saßen wir auf der Bank an der Bushaltestelle, nur bekamen wir Angst, dass uns dort etwas zustoßen könnte. Wir fanden Kartons auf denen wir dann am Emirsultan Friedhof die Nacht verbrachten. Er hat uns ohne Geld weggeschickt. Wir haben nur das, was wir anhaben. Am Morgen bekamen wir natürlich Hunger. Ich habe einen Bekannten, der mir evtl. etwas Geld geben könnte, aber dafür hätte ich schon 20-30 Lira gebraucht, um überhaupt dahin zu kommen. Mein Handy hat er auch an sich genommen. Bestimmt wird er es verkaufen. Meine Tochter war es dann, die mich an der Hand nahm und mich hierhin führte. Ich konnte aber nicht reingehen, weil ich mich so schämte. Schauen Sie mal, wie meine Tochter lacht, jetzt wo sie satt geworden ist. Allah möge Ihrem Laden viele Kunden bescheren.“

Meine Mutter war vor einer Woche verstorben. Da kam mir der Gedanke, den beiden ihre Wohnung, die sie 21 Jahre bewohnte, zu geben. Praktisch, zumal nicht bewohnt und möbliert. Gedanken habe ich mir schon gemacht, was die Frau sagen würde, wenn ich sie jetzt dahin führen würde. Ich packte die Sache anders an.

„Möchtest du vielleicht hier arbeiten? Du kannst mit Deiner  Tochter kommen und uns helfen.“ Ich wusste, dass die Frage eigentlich unnötig war, was hätte sie den sonst tun sollen. Sie war so erfreut, dass sie sofort aufstand und mir die Hand küssen wollte. Ich rief meine Frau an, die sich genauso freute. Mittlerweile sind drei Monate vorbei. Sie arbeitet bei mir und bewohnt die untere Etage. Wir nehmen von ihr keine Miete. Ich und meine Frau haben keine Kinder. So lieben wir sie, als wären sie unsere Kinder. Heute sah ich auf dem Monitor, dass sie einer Frau umsonst zwei Brote gab. Anschließend hat sie das Geld aus ihrer Tasche genommen und in die Kasse getan. Sie hatte auch jemandem etwas Gutes getan. Ich habe geschwiegen und ihr nicht gesagt, dass ich das gesehen hatte. Ich habe Gott gedankt, dass er mir nach so vielen Jahren eine Schwester und eine Tochter geschenkt hat.

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