Die EU wird für die Türkei wieder wichtig

Letzte Woche sagte der türkische Außenminister noch: “Die Türkei ist ein starker Verbündeter der NATO und sieht ihre Zukunft in der EU!” Natürlich muss man zwangsläufig schmunzeln, woher auf einmal dieser Sinneswandel kommt bzw. warum er so etwas sagt und entgegengesetzt handelt. Egal, das ist Politik. Heute so, morgen so. Dieser Tage muss die Türkei mit allen Geldgebern versuchen gut zu stehen, schließlich benötigt man Multimilliarden an Euro. Dabei geht es nicht nur um die neue Kreditaufnahme, welches derzeit kaum möglich erscheint, zumal die Bonität am Boden schweift, aber es geht auch darum, dass die europäischen Gläubiger sich zurückhalten und nicht die Kredite zurückverlangen. Ich hatte die letzten Wochen geschrieben, dass italienische und spanische Banken jeweils über 70 Mrd. EUR von der Türkei zu bekommen haben. Die Zinsen auf die Gesamtschulden der Türkei, die jährlich 50-60 Mrd. EUR betragen, wurden bis jetzt irgendwie immer bedient. Irgendwie sage ich, weil kaum erklärbar ist, woher die Devisen herkommen. Die Exportumsätze werden von den Importen gefressen und die Tourismuseinnahmen sind wegen der Pandemie weggebrochen. Die Gesamtdevisenschulden der Türkei, inkl. der Privatwirtschaft bewegen sich derzeit, laut Zahlen der Zentralbank, oberhalb 400 Mrd. EUR. Mit gehangen, mit gefangen, kann man den europäischen Banken nur sagen, denn zahlt die Türkei nicht, werden sie wohl in große Schwierigkeiten kommen, oder gar pleitegehen.

 

Schaut man sich die 19-20 Jahre der Erdogan Ära an, so kamen die ausländischen Direktinvestitionen (ADI), mehrheitlich aus der EU. Wer meine Beiträge liest wird wissen, dass natürlich Katar die meisten Türkei-Investitionen hat, aber die laufen mittlerweile über türkische Kapitalgesellschaften, die den Katarern gehören und folglich werden sie als türkische Investitionen gebucht werden und tauchen nicht in Statistiken, die ADI betreffen auf.

Die fetten Jahre, was ADI angeht, waren 2006 mit 17,6 Mrd. USD, 2007 mit 19,1 Mrd. USD und 2008 mit 14,7 Mrd. USD. Dann gab es 2011 nochmals 16,1 Mrd. USD, was erwähnenswert war. 2016 mit 7,5 Mrd. USD, 2017 mit 7,0 Mrd. USD, 2018 dann 6,8 Mrd. USD 2019 5,8 Mrd. USD und die ersten neun Monate 2020 waren es dann noch 3,0 Mrd. USD.

Schaut man die ADI der letzten 19 Jahre an, so haben wir nach Ländern sortiert, folgende Liste der Länder nach Direktinvestitionen in der Türkei (In Milliarden USD):

Niederlande 26,2
USA 12,8
England 11,6
Österreich 10,6
Deutschland 10,1
Luxemburg 9,5
Belgien 8,8
Frankreich 7,5
Aserbaidschan 7,0

Quelle: Zentralbank der Türkei (TCMB)

Leider sind die Statistiken der Türkei nicht sehr aussagekräftig.

So heißt es z. B. bei der Zahl der Unternehmen mit ausländischem Kapital, dass es an die 55.000 von ihnen gibt. Darunter fallen aber auch die, die von im Ausland ansässigen Türken bzw. türkischen Ursprungs gegründet wurden und inaktiv sind. Das ist (von mir geschätzt) ca. die Hälfte. Dass die Quote noch höher liegen müsste, kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Durch die Jahre habe ich im Auftrag ca. 60-70 türkische Unternehmen für Deutschtürken gegründet, von denen heute nur 2 noch in der Türkei aktiv Geschäfte machen. Es ist aber nicht so, dass die Neugründungen pleitegegangen wären, denn die meisten nahmen die geschäftliche Tätigkeit erst gar nicht auf. Die Realität ließ die Gründer vorher schon abschrecken, dass sie direkt nach der Gründung aufgaben. Für die deutschen und Schweizer Auftraggeber gründete ich über einhundert Unternehmen, von denen alle ihre Tätigkeit aufnahmen. Der Unterschied: Sie leisteten viel Vorarbeit und waren bereit, bezahlte Dienste in Anspruch zu nehmen. Buchen Sie heute noch ein Online-Termin (Zoom) mit mir und lassen sich in Zusammenhang mit der Türkei, sei es geschäftlich (z.B. wo gibt es noch gute Chancen, trotz der Pandemie) oder privat, z.B. wie man dem Altersarmut in Deutschland entrinnen kann, beraten.

Die EU bekommt der Türkei gut

Schaut man sich die fetten Jahre der ausländischen Direktinvestitionen an, so sehen wir, dass diese in die Zeit 2006, 2007 und 2008 fallen, also die Jahre, in denen Erdogan der Prächtige den Eindruck erweckte, Richtung EU marschieren zu wollen.

Schaut man sich die Summe der ADI in den letzten 19 Jahren an, die sich auf ca. 164 Milliarden USD belaufen, muss man auch daran denken, dass die Reserven der Zentralbank in kurzer Zeit um 100 Mrd. USD weniger wurden. Allein mit 120 Mrd. USD soll man dagegengehalten haben, um den USD Kurs stabil zu halten, was nicht gelungen ist . Weg ist das Geld.

Die ausländischen Direktinvestitionen, die die Statistiken als solches registrieren und festhalten, entspringen eigentlich dem heißen Kapital auf den Weltmärkten. So schnell wie sie ins Land kommen, so verschwinden sie auch wieder. Es gibt kaum Investitionen Richtung Türkei, wo man z. B. mit dem investierten Geld neue Produktionsstätten schafft. Eher werden vorhandene Betriebe ganz oder teilweise gekauft und wechseln genauso schnell die Hand. Oftmals sehen wir bei den Privatisierungen, dass die Betriebe nach der Privatisierung sofort geschlossen werden, es sei denn, man nimmt die Sahneteilchen daraus und verwertet sie anderweitig.

Der Wertverlust der TL vergünstig Übernahmen der Unternehmen

Es ist kein Geheimnis mehr, dass alle tragenden und strategischen Industrien des Landes in ausländischer Hand sind. Diese gingen gewollt, oder ungewollt, weit unter Wert weg. Werden diese übernommenen Betriebe weitergeführt, so werden sie strammer durchorganisiert, was am Ende Digitalisierung bedeutet und das wiederum bedeutet weniger Arbeitsplätze und mehr Arbeitslose.

Die türkische Wirtschaft ist immer ungesund gewachsen (zumeist auf dem Papier)

Schaut man sich die Jahre an, in denen die türkische Wirtschaft Rekordwachstum auswies, so sind das die Jahre, wo heißes Kapital ins Land floss und das hauptsächlich in den Bausektor. Je mehr gebaut wurde, je mehr Megaprojekte der Staat realisierte, wurden diese Investitionen dem Wachstum mit angerechnet. Gebäude aus Beton, was man am Ende hat, schaffen keine Arbeitsplätze und ernähren die Bevölkerung nicht. Es ist ein Wachstum nach Zahlen bzw. auf dem Papier.

Eigentlich schrumpft die türkische Wirtschaft zusehends

Dem ist leider so. Auch in Phasen, wo ein Wirtschaftswachstum hochfeierlich verkündet wird, ist das mit dem Schrumpfen der türkischen Wirtschaft verbunden. Die Großunternehmen, die noch was bedeuten im Lande, sind entweder in ausländischer Hand, oder haben Gesellschafter aus dem Ausland. Die Masse der sonstigen Unternehmer aus dem produzierenden Gewerbe, verkaufen ihre Unternehmen, entlassen die Mitarbeiter, investieren in die Bauwirtschaft und importieren das, was sie vorher produziert haben und treiben damit Handel. Die Arbeitslosenzahlen werden also nicht nur durch die Digitalisierung der bestehenden Unternehmen, die zumeist unter dem Dach der Holdings agieren, steigen, sondern durch das Schrumpfen der Wirtschaft.

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