Türkei: Wenn die Gesinnung mit den Machthabern kompatibel ist, dann …

Er ist heute 53 Jahre alt und Maschinenbauingenieur. Er stamm aus Maraş, heute Kahramanmaraş genannt. Mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen, lebt und arbeitet er in Ankara. So ähnlich hätte die Geschichte von Ali Traş beginnen können, jedoch ist er nicht älter als auf dem Foto geworden.

Der 19. bis 26. Dezember 1978 ist in die Köpfe derer, die sich mit der Türkei befassen, oder in der Türkei leben und sich den Realitäten des Landes nicht verschließen, eingemeißelt. 1978 fing es in der Türkei an und sogar in den 90ern fand sie die Fortsetzung, dass Menschen verschwanden oder tot waren, ohne jemals die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

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Ali mit 11 Jahren. Älter wurde er nicht. Die Nationalisten und die Grauen Wölfe ermordeten ihn. Was hat sich für sie geändert? Nichts!

Wie Ali aus dem Leben gerissen wurde

Ali fing gerade auf der Mittelschule an. Er war ein wissbegieriger Schüler und lernte gut. Was damals so in der Stadt passierte, davon hatte er in etwa Kenntnisse, so viel wie ein 11 jähriger haben konnte. Er war auf einer Beerdigung und ging dann in das Haus, wo er, seine Schwester und seine Mutter lebten. Sie hatten an diesem Tag nicht vor, das Haus zu verlassen, denn am Vortag, am 23. 12. 1978 wurde in ihrem Haus ein Besuch abgestattet. Der Mob hatte das ganze Haus nach Waffen durchsucht und alles durcheinandergebracht. Nichts stand mehr da, wo es mal stand. Die Eindringlinge suchten angeblich nach vielen Waffen, aber fanden lediglich ein selbstgebasteltes Gewehr. „Habt Ihr noch mehr Waffen, rückt sie raus, sonst hören wir hier nicht auf und suchen so lange, bis kein Stein mehr über dem anderen steht.“ sagte einer der Eindringlinge. „Du bist ein Moskof!“ sagte ein anderer zu der Mutter von Ali. So nennt man die Ostslaven, es gibt aber auch Begriffserklärungen, die auf Nutte, oder schlechte Frau hinauslaufen. Egal, jedenfalls nichts, was auf die Mutter von Ali zutreffen würde. Die Eindringlinge nahmen das eine Gewehr mit und zogen von Haus zu Haus. Einen Tag, nachdem man in den Häusern der Aleviten nach Waffen durchsucht hatte, gingen die Massaker los. Ali’s Mutter machte Fluchtpläne, ließ es aber am Ende sein, denn hier hatten sie ein Dach überm Kopf und wo sollten sie sonst hin. Sie machten die Lichter aus und hofften, dass der Mob auf der Straße glaubte, dass das Haus unbewohnt sei. Ihre Ängste teilte die Mutter mit der Tochter, die älter als Ali war. Auf einmal merkten sie, dass auf ihr Haus geschossen wurde. Irgendetwas bewirkte, dass an einer Ecke des Hauses sogar Feuer ausbrach. Die Mutter nahm ihre Kinder an der Hand und nachdem sie das Haus verließen, schloss sie hinter sich ab und hoffte so, dass sie das Haus vor dem Mob retten könnte. Sie fingen zu laufen an, ohne zu wissen, wo es hinführen sollte. Ali lief ganz vorne, dahinter seine Schwester und dahinter die Mutter. „Haltet ihn, da versucht uns ein Kommunist wegzulaufen!“ rief einer Faschisten (Nationalisten und die Grauen Wölfe u.a.) und sie schnappten sich Ali. Als die Schwester sah, wie Ali geschnappt wurde, wechselte sie die Richtung, genauso ihre Mutter.

Die, die Ali gefasst hatten, sagten ihm, dass er sich keine Hoffnung machen solle, es gäbe keine Chance für ihn wegzulaufen. Dabei hatte Ali ja nichts verbrochen. Er wurde von seiner kindlichen Angst getrieben und lief weg, ohne zu wissen weshalb und warum.

Für Ali kam es noch schlimmer

Was danach mit dem elfjährigen Ali passierte, rekonstruierte man anhand seiner gefundenen Leiche. Er wies Kugellöcher am Körper auf. Welche Qualen hatte Ali in dem Moment erlitten, als der Mob lachend auf ihn schoss? Ali’s Beine und Hände waren abgeschnitten. Hatten sie es bei lebendigem Leibe getan? Welche Qualen, die man nicht im entferntestem erahnen kann, verspürte wohl Ali, ein elfjähriger Junge. Schrie er nach seiner Mutter? Ganz bestimmt tat er das. Wie viele vom Mob standen volllüstern um ihn herum und beobachteten die Szene? Damit nicht genug, denn sie taten Ali mit den abgeschnittenen Händen und Beinen in einen großen Kochtopf und kochten ihn in seinem eigenen Blut. Lebte er noch? Hat er all diese Qualen noch ertragen müssen, der elfjährige Junge? Die Fragen quälten die Mutter noch Jahre später.

“Gebt mir meinen Sohn zurück!”

Sie hatte sich wie viele, im Stromverteilerhaus versteckt. Als alles vorbei zu sein schien, ging sie los und fragte überall nach, ob jemand Ali gesehen hatte. Sie fragte einige der Eindringlinge , die in ihr Haus kamen, ob sie wüssten wo Ali wäre. Bei der Suche begegnete sie den Leuten, die Ali weggeschafft hatten. „Gebt mir meinen Sohn zurück!“ schrie sie sie an. Dreieinhalb Stunden lief sie mit dem Mob mit, während sie andere töteten. Einer von ihnen sagte auf Kurdisch: „Lasst uns dieser Hure eine Kugel verpassen, sonst verrät sie uns noch und bringt uns in Schwierigkeiten.“ Sie fing an, mit dem Mob zu verhandeln. Sie wollte ihr Haus, also ihren ganzen Besitz auf diese überschreiben. Sie sollen nur gelacht haben, bis dann einer von ihnen sagte: „Wir haben deinen Sohn geopfert!“ Mit welcher Leichtigkeit sie das sagten. Dabei war Ali das Kostbarste, was diese Mutter jemals besaß.

„Was sind das für Menschen, haben die keine Kinder?“

… soll sie dabei gedacht haben, erzählte sie später. Sie war verzweifelt und suchte ein Haus nach dem anderen ab, nach Ali, ihrem ein und alles. Während sie suchte, wusste sie um die Gefahr, dass sie auch getötet werden könnte und hielt sich drei Tage bei Bekannten versteckt. Danach ging sie zu ihrem Haus, oder das was davon noch übrig war. Das Haus existierte nicht mehr. Sie fand ein weißes Hemd von Ali. Sie roch daran und nahm das Hemd zu sich.

Es waren nach dem Tod von Ali vier Tage vergangen. Sie hatte keine Hoffnung mehr ihn noch zu finden und machte Pläne Maraş zu verlassen. Dann fand sie die im Topf gekochte Leiche von Ali im Keller eines Nachbarn. Der Topf war von der Leiche verkohlt. Sie konnte die Überreste von Ali nicht einmal ein letztes Mal umarmen. In Maraş war der normale Tod ein Luxus geworden. Die Täter waren schnell gefasst, zumal in der Stadt jeder jeden kannte. Nur kamen sie wegen angeblich fehlender Beweise schnell frei. Ali starb, weil er alevitischen Glaubens war, also eigentlich nichts verbrochen hatte. Ruhe in Frieden Ali, wir, die dich seit deinem Tod kennen, werden immer wieder daran erinnern, wozu die Menschen in der Lage sind.

Pogrom von Kahramanmaraş

Das Pogrom von Maraş, auch Kahramanmaraş-Massaker genannt, ereignete sich vom 19. bis zum 26. Dezember 1978. Das Massaker ist neben dem Brandanschlag von Sivas eines der Pogrome in der Türkei gegen die alevitische Glaubensgemeinschaft. Am 23. Dezember 1978 begann das Pogrom. Weitere Wohnviertel wurden von Nationalisten und Mitgliedern der MHP angegriffen, Gebäude und Arbeitsstätten wurden zerstört. Aufgrund der Markierung wurden die meisten Aleviten aus ihren Häusern gezerrt und auf die Straße gebracht, gefoltert und in großer Zahl getötet. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt. Erst nach drei Tagen schickte die Regierung unter Bülent Ecevit eine Armeeeinheit in die Provinz Kahramanmaraş, die jedoch weitere Übergriffe nicht verhindern konnten. Am Ende waren nach offiziellen Angaben 111 Menschen tot, 552 Häuser und 289 Arbeitsstätten geplündert.

Brandanschlag von Sivas

Der Brandanschlag von Sivas bezeichnet den pogromartigen Angriff einer religiös motivierten und aufgepeitschten Menge auf Teilnehmer eines alevitischen Festivals und den anschließenden Brand des Madımak-Hotels am 2. Juli 1993 in der zentralanatolischen Stadt Sivas. Dabei kamen 37 Personen zumeist alevitischen Glaubens ums Leben. Im offiziellen türkischen Sprachgebrauch wird es als Sivas-Ereignis bezeichnet. Aleviten sprechen von dem Sivas-Massaker.

Bei einem alevitischen Kulturfestival zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal im Sommer 1993 in Sivas, erklärte der türkische Schriftsteller Aziz Nesin öffentlich, er halte einen Teil der türkischen Bevölkerung für „feige und dumm“, da sie nicht den Mut hätten, für die Demokratie einzutreten. Seine Übersetzung und teilweise Veröffentlichung des für einige Muslime ketzerischen Romans Die satanischen Verse von Salman Rushdie, führten dazu, dass sich vor allem konservative sunnitische Kreise provoziert fühlten. Am 2. Juli versammelte sich eine aufgebrachte Menschenmasse (die Anzahl der Personen wird auf 20.000 geschätzt) nach dem Freitagsgebet vor dem Madımak-Hotel, in dem Aziz Nesin, aber auch alevitische Musiker, Schriftsteller, Dichter und Verleger logierten.

Mitten aus der wütend protestierenden Menschenmenge wurden schließlich Brandsätze gegen das Hotel geworfen. Da das Hotel aus Holz gebaut war, breitete sich das Feuer schnell aus. Dabei verbrannten 35 Menschen; der Autor Aziz Nesin, dem laut einigen Angaben der Anschlag in erster Linie gegolten hatte, überlebte jedoch leicht verletzt. Wegen der wütenden Menschenmenge draußen vor dem Hotel, konnten die Bewohner des Hotels nicht ins Freie, bis sie schließlich vom Feuer eingeschlossen waren.

Das Staatssicherheitsgericht in Ankara kam zu dem Urteil, dass die Menge die Feuerwehr bei den Rettungsarbeiten behinderte. Zudem belegen Zeugenaussagen sowie Videoaufnahmen, wie vereinzelte Polizisten der Menge halfen und eine anrückende Militäreinheit sich wieder zurückzog.

Die Aleviten nennen diesen Anschlag das „Sivas-Massaker“, wobei aus ihrer Sicht der Brandanschlag ihnen gegolten hatte, und fühlen sich seither vom Staat im Stich gelassen. Das Ereignis spielte eine wichtige Rolle bei ihrer Bewusstseinsbildung.

Übringens!

Die meisten Täter, Helfer, oder Helfershelfer, die Rechtsanwälte von ihnen, bekleideten und bekleiden in der AKP und dem kleinen Koalitionspartner MHP wichtige Posten. Einer der RAe war sogar der vormalige OB von Istanbul

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