“Sobald er Istanbul hört, weint er unaufhörlich und bitterlich…”

Wenn ich Istanbul Fotos sehe, wird mir auch ganz anders, aber reden wir über Hikmet Bey. “Immer wenn er mich sah sagte er: „Hallo meine Fee, hat Dich der liebe Allah zu mir geschickt?“

Er ist einer der Lebenslustigen im Altersheim, der Hikmet Bey*. Für jeden der Besucher hatte er etwas Schönes auf den Lippen gehabt. Er ist der, mit dem wir gemeinsam Lieder sangen und derjenige, der die Tränen in sich hinein weinte. In ihm brannte die Sehnsucht nach seiner Schwester in der Türkei. „Fatma (die Autorin des Buches “Immigration und Demenz – Schau mal in die Vergangenheit…” (nur in Türkisch erhältlich), finde mir eine kleine Wohnung, aber unbedingt mit Festnetztelefon, damit ich so oft es geht meine Schwester anrufen kann. Ich vermisse Istanbul und meine Schwester…“ sagte er oft.

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Mittlerweile sagt er nicht viel. Sobald er Istanbul hört, weint er unaufhörlich und bitterlich…

Er hat keine großen Erwartungen mehr. Zündest du ihm eine Zigarette und singst ihm einige Strophen, ist er glücklich.

Nun, mittlerweile sind seine Hände zitterig. Er kann nicht mehr greifen. Auch wenn er Demenz hat, so begreift er noch vieles. Das Leben voller Sehnsüchte hat er in sich vergraben.

Ich mag diesen höflichen Herrn sehr. Demenz in dieser Stufe, habe ich das erste Mal bei diesem unbeschreiblichen Herrn kennengelernt. Ich hatte gerade mit meinen Altersheimbesuchen angefangen. Dieser höffliche Herr fragte alle fünf Minuten „Fatma, wie spät haben wir?“ Ich sagte ihm die Uhrzeit, wir redeten kurz und schon fragte er „Fatma, wie spät haben wir?“. Die Konversation ging oft so weiter. Ich verstand das nicht. Ich wusste zu der Zeit nicht, dass er Demenz hatte. Und über Demenz wusste ich nicht viel. Mit der Zeit fühlte ich mich unwohl, dass er mich immer wieder nach der Zeit fragte. Dennoch antwortete ich immer freundlich und sagte ihm, wie spät wir hatten.

Erst Wochen später, als ich mit diesem Herrn sprach, erfuhr ich von einer Pflegekraft, dass er Demenz hatte. Als ich dann über das Internet recherchierte und mehr über Demenz wusste, musste ich unweigerlich weinen und ich verstand sein Verhalten. Die Fragen die er stellt, oder die Antworten die er bekommt, registriert sein Hirn nicht. Das war der Grund, dass er eine Frage immer wieder stellte. Dieser Tage sagt er: „Fatma, wann kommst du wieder? Du kommst immer wieder und öfter, ja?“ Wenn ich dann da bin, zieht er sich ein Sakko an und geht mit seinem Rollstuhl auf den Balkon, dann spiele ich ihm über das Handy ein Lied ab und erzähle ihm von alten Erinnerungen.

„Warst du dieses Jahr im Urlaub gewesen? Du bist doch verheiratet Fatma, oder? Wenn Du nicht verheiratet wärst, würde ich Dich heiraten.“ sagt er schon mal. „Ich würde das auch, wenn ich nicht verheiratet wäre. Ich würde mich auch für sie entscheiden. Schicksal halt.“ ist dann meine Antwort darauf. Noch bevor die erste Träne bei ihm auf Reisen geht, hört man zuerst sein Schluchzen und Trauer. Schon fängt er an ein Gedicht aufzusagen, welches „Fatma“ heißt. „Fatma, Dein Gesicht wie der Mond…“ fährt er dann fort.

Es ist für mich ein unbezahlbares Gefühl jeden Tag Menschen zu begegnen und sich mit ihnen anzufreunden, die weitab von Arroganz, Hass, Wut und Lieblosigkeit sind. Ich danke Allah, der mich den Weg in das Altersheim zeigte. Ich muss mich wiederholen: Wenn ich Tausend Herzen hätte, würde ich jedes einzelne an alte und einsame Menschen schenken.”

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Zuerst nannte man sie Gastarbeiter, weil man dachte, sie würden irgendwann mal wieder zurück in ihre Heimatländer gehen. Einige taten das auch, aber entweder, weil sie durch die Rückerstattung der Rentenbeiträge dazu animiert wurden, aber eher, weil sie das Rentenalter erreichten. Eine Vielzahl von ihnen haben mittlerweile einen deutschen Pass und leben in Deutschland, dauerhaft und siehe da, sie werden auch älter. Dass diese Menschen, weitab ihrer Heimat, wo sie herkamen, alt werden, sogar an Demenz erkranken, wer hätte das gedacht?

Die Entstehungsgeschichte des Buches habe ich von Anfang an verfolgt. Leider gibt es das Buch nur in Türkisch, denn es wäre schön, wenn es es auch in Deutsch gäbe, dass die Masse der Menschen erführe, wie Leben von Menschen mit Migrationshintergrund gelebt und wie gestorben wird, in Deutschland.

Fatma Dik-Thiel begleitet diese Menschen und ihre Angehörigen Tag für Tag in einer schwierigen Phase und schenkt diesen Menschen neuen Lebensmut und Freude. Wahrlich eine tolle Berufung.

Schon auf dem Buchumschlag erfahren wir, dass die Menschen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt schon mit 58,5 Jahren an Demenz erkranken. Da fragte ich mich, wann die Deutschen, die hier geboren worden an Demenz erkranken. Die Recherche brachte zutage, dass Weniger als 2 Prozent aller Demenzerkrankungen auf das Alter unter 65 Jahren fallen. Also ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Ich wünsche der Autorin viel Erfolg mit ihrem Buch, denn sie hat etwas angestoßen, was uns verborgen blieb und dem wir nie einen Gedanken daran verschwendeten.

Das Buch ist bebildert. Die vorher und nachher Bilder werfen Fragezeichen auf, lassen uns traurig werden und lassen uns bewusstwerden, dass wir auch mal so alt werden und so aus dem Leben scheiden könnten… Ohne Erinnerungen.

Ich wünsche der Autorin viel Erfolg mit ihrem Buch, denn sie hat was angestoßen, was uns verborgen blieb und wir nie einen Gedanken daran verschwendeten. Hier einer der von Ihr begleiteten Personen, der stellvertretend für viele hier Erwähnung finden soll.

Ali Yanangönül verstarb dieser Tage. 1963 kam er nach Deutschland und heiratete ein Jahr später. Er arbeitete bis zur Rente bei den Ford-Werken in Köln.

Ali Yanangönül, als er nach Deutschland kam. Er musizierte gerne. Möge er und alle die weitab der Heimat Türkei verstarben, in Frieden ruhen.

Die Fotos sind mit Einverständnis der Personen und deren Verwandten veröffentlicht worden. Die Rechte liegen bei der Autorin, die mir diese Fotos selber zur Veröffentlichung überlassen hat. Vielen Dank dafür.

Zu bestellen unter: https://m.facebook.com/zsugmbh/posts/3364564620289252 oder unter ISBN 978-3-946689-60-7 im Buchhandel. Nicht vergessen, das Buch gibt es nur in Türkisch.

(*) ‘Bey’ hinter dem Vornamen benutzt man in der Türkei aus Höflichkeit und Ehrbekundung für die betreffende Person. 

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