Die Slipeinlage – Ein Band der Sympathie

„Heute war ich im Supermarkt. Das Mädchen vor mir war ca. 16-17 Jahre alt und hatte eine Slipeinlage gekauft. Wie weit ist das Land nur gekommen, frage ich mich und schaue sie bewusst an, in der Hoffnung, dass sie es zurückbringt. Sie reagiert gar nicht. Dabei saß auch noch ein Mann an der Kasse. Schade um diese Jugend…“

Dieser (kranke) Tweet aus der Türkei lieferte den Anlass und ich erinnerte mich an eine Begebenheit in Istanbul. Um meinen deutschen und Schweizer Auftraggebern besseren Service zu bieten und um länger in Istanbul sein zu können, richtete ich mir Anfang 2004 dort eine Wohnung ein. Um den Kühlschrank erstmalig zu befüllen, war ich im Supermarkt. Auf einmal fragte mich eine weibliche Stimme: „Entschuldigen Sie, könnten Sie mir bitte die Packung da oben geben, ich komme da nicht dran.“ Sie war ca. 18 Jahre alt und zeigte auf die Packungen an Slipeinlagen im obersten Regal. Was für eine tolle Positionierung für so einen  Artikel, dachte ich mir erst später. Sie war super nett und lächelte mich an, wie sie mich darum bat. Ich mit meinen 1,85 musste mich selber strecken, um da dranzukommen. „Nein, nicht diese, die daneben“ sagte sie. Ich reichte ihr die Packung rüber und schwebte, gefühlt, auf Wolke sieben. „Ja, dass ist meine Türkei, die ich kenne und mir auch wünsche“ dachte ich. Noch während sie sich bei mir bedankte, hörte ich eine andere Stimme sagen: „Vielen Dank, dass sie meiner Tochter geholfen haben!“ „Nichts lieber als das, denn nicht viele junge Mädchen und Frauen würden lieber schweigen und ‘ohne’ nachhause gehen, als von einem Mann so etwas zu verlangen“ sagte ich. Sie wurde zwar leicht rot, aber konnte die Situation richtig einschätzen. „Wie schön wäre es doch, wenn alle jungen Frauen so wären“ sagte ich. Beide schmunzelten. Da sah ich die Verkäuferin und fragte, wer den entschieden hätte, dass diese Hygieneartikel, die ja gefragt sein müssten, so weit oben zu platzieren waren. „Wir haben einen Plan, den wir von unserer Filialleiterin bekommen und müssen die Waren entsprechend platzieren.“ „Könnte ich sie mal sprechen?“ fragte ich. Sie holte die Filialleiterin. Sensationslüstern wie die Menschen sind, waren mittlerweile einige Personen um uns herum zusammen gekommen, die damit rechneten, dass es laut wurde, ohne zu wissen, worum es ging.

Um der Slipeinlage in der Überschrift ein Gegengewicht zu schaffen, wählte ich solch ein Foto als Titelbild.

Ich fragte die Filialleiterin, warum die für Frauen so wichtigen Hygieneartikel so weit oben platziert waren. „Damit sie nicht vor allen Augen stehen!“ war ihre Antwort. „Was ist denn so schlimm dran?“ fragte ich. „Ja aber, hier gehen auch Männer und Jugendliche vorbei.“ Was für eine Antwort, dann noch aus dem Munde einer Frau. Ich war also wieder in der Türkei von heute und jetzt angekommen. Wie die Gesellschaft überhaupt in der Türkei, waren die Gruppen und Meinungen auch in diesem Fall, zweigeteilt. Viele fanden es unmöglich, dass ich so laut darüber reden würde. Frauen zumeist. Ich war in meinem Element und legte nach. „Verkaufen Sie auch Präservative?“

Schaute man die Gesichter an, konnte man glauben, dass man sie alle mit einem roten Spot angestrahlt hätte. „Ja, haben wir!“ sagte die Filialleiterin und zeigte auf das  unterste Regal im Parallelgang. Ich musste zwangsläufig lachen, denn die Präservativpackungen waren vollständig da und sogar leicht verstaubt. Diese standen deshalb auf dem untersten Regal, ebenfalls damit man sie nicht sieht. Slipeinlagen und Präservative gehörten also zu einer Gattung der peinlichen Produkte, mit dem Unterschied, dass die für die Frauen vorgesehenen sich gut verkauften, während die anderen nicht angepackt wurden. Immer wenn ich hinter den Kassen auf meine Familie wartete, die vom Einkaufen kamen, konnte ich beobachten, wie die türkischen Frauen die Hygieneartikel auf dem Laufband unter anderen Produkten versteckten und sich ganz breit machten, wenn diese eingescannt wurden.

Da der erwähnte Supermarkt in meinem Viertel war, kannte man mich nunmehr. Es hatte sich rumgesprochen, was ich im Supermarkt veranstaltet hatte. Mit der netten damals 18 Jährigen und ihrer Klicke bin ich heute nach 16 Jahren immer noch befreundet. Ich stand ihnen über Jahre mit Rat und Tat immer zur Seite. Tja, so eine Slipeinlage verbindet halt, besonders in der Türkei.

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