Das ewig schiefe Türkei-Bild der Erdogan Anhänger in Deutschland

Es sind Zeiten, wo die Menschen sich viel länger von der Straße fern, aber dafür viel länger im Internet aufhalten. So begegnen sich viel mehr Türkei-Türken anderen Türken aus dem Ausland im Internet. Ganz besonders unangenehm fallen dann die Beiträge der Anhänger Erdogan’s aus Deutschland auf, die so überschwänglich über die tollen Verhältnisse in der Türkei reden, dass der Türkei-Türke glaubt im falschen Film zu sein. Voller Wut schreibt der Türkei-Türke dann: “Lass uns tauschen, dann kannst du mal sehen, wie toll das hier ist. Sich an Deutschland kuscheln und dann die Türkei schönreden, das haben wir gern. Warum fallt Ihr uns in den Rücken?” sagt der Türke über den Türken. Während ich diese Zeilen schreibe und parallel noch in die sozialen Medien schaue, entdecke ich einen Beitrag, wo die Frau, 35 Jahre alt, in eine Gruppe schreibt und fragt: “Wir haben drei Kinder und wir möchten zukünftig in der Türkei leben und arbeiten, was sind Eure Tipps und Empfehlungen?” Die meisten sagen kurz und trocken: „Bleibt da, wo Ihr seid!“ Da sieht man es wieder, was für ein schiefes Türkei Bild die in Deutschland lebenden Türkeistämmigen haben. Natürlich nicht alle, aber nicht wenige. Dieser Türkei-Virus unter den Türkeistämmigen grassiert nicht erst seit gestern, dass ist eine Art Pandemie, die durch die Jahrzehnte die Deutschland-Türken begleitet. Der Mensch im Allgemeinen denkt: „Ich arbeite zu lange und hart und bekomme dafür zu wenig Geld und Anerkennung, also werde ich ausgenutzt.“ Während der Deutsche, weil es nicht anders geht, bis zur Rente durcharbeitet, sieht der Türkeistämmige den Ausweg in der Türkei und denkt, wenn ich in Deutschland ‚gefühlt‘ unfair behandelt werde und hier der Diskriminierung ausgesetzt bin, kann es in der Türkei nur besser werden, schließlich stamme ich von da her, zumindest meine Gene. Nur zu, dann wirst du sehen, wie wenig Wertschätzung du als Deutschland-Türke, aber auch sonst als Mensch, in der Türkei genießt. Klar, es wird Türkisch gesprochen und dein Leid beklagst du dann in Türkisch, Moment Mal, falsch gedacht, nein, Du musst deinen Kummer in dich reinstopfen, zumal du nur mit den Rückkehrern aus Deutschland dich austauschen könntest, die dich dann verstehen würden, denn der Türkei-Türke würde dir auf den Kopf zu sagen: „Von welchen Geistern bist du eigentlich geritten worden, dass du Deutschland verlassen hast?“ Bevor jetzt die Schönrederei wieder anfängt, muss ich noch kurz aus dem Beipackzettel zitieren: „Der Sachverhalt oben betrifft nicht die, die ihre Schäfchen im Trockenen, oder einen tollen Job in der Türkei haben und in der Türkei lediglich nur leben wollen und nicht arbeiten müssen.“

Während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir ein Gedicht vom großen Nazim Hikmet ein:

Nâzım Hikmet war ein türkischer Dichter und Dramatiker. Er gilt als Begründer der modernen türkischen Lyrik und als einer der bedeutendsten Dichter der türkischen Literatur. Zeit seines Lebens war er als Andersdenkender, entweder im Gefängnis, oder im Exil.

Der Welt merkwürdigste Kreatur

Wie ein Skorpion bist du, mein Freund,
in der angsterfüllten Finsternis gefangen, einem Skorpion gleich.
Wie ein Spatz bist du, mein Freund
so furchtsam und hastig, einem Spatzen gleich.
Wie eine Muschel bist du, mein Freund,
fest verschlossen, einer Muschel gleich, sorglos und zufrieden.
Und wie ein erloschener Vulkanschlund, schrecklich bist du, mein Freund.
Du bist nicht einer allein,
ihr seid nicht fünf,
Hunderte Millionen zählt ihr, ja bedauerlich.
Wie ein Hammel bist du, mein Freund,
sobald der Viehhändler in seiner Felljacke den Knüppel schwingt,
bist du längst in die Herde eingereiht.
Und voller Stolz schreitest du zur Schlachtbank hinauf.
Will sagen, der Welt merkwürdigste Kreatur bist du, mein Freund.
Noch viel merkwürdiger als jener Fisch,
der im Meere lebt, es doch kein Bisschen kennt.
Und all dies Unrecht und Leid auf dieser Welt
ist nur möglich, weil du es zulässt.
Und wenn wir nun Hunger leiden, zerschunden sind, blutüberströmt,
und wenn wir noch immer wie Trauben zerquetscht werden, um Wein zu sein
der Grund bist du.
– Dies zu sagen, bring ich kaum übers Herz –
Die Hauptschuld, mein lieber Freund, trägst du!

Gedicht: Nâzım Hikmet Ran (1902-63) „Dünyanın En Tuhaf Mahluku“

Ins deutsche Übertragen von meinem lieben Freund Danyal Nacarlı, Hamburg, der diese Kunst beherrscht, wie kein anderer.

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