“Ich kann drei Sprachen. Armenisch, Kurdisch und Türkisch […]” Zum Todestag von Hrant Dink

„Ich kann drei Sprachen. Armenisch, Kurdisch und Türkisch. Diese drei Sprachen trage ich in mir und sie leben in Frieden zusammen.“ Rakel Dink (Ehefrau von Hrant Dink). “Ben üç dil biliyorum. Ermenice, Kürtçe ve Türkçe. Benim içimde bu üç dil hiç kavga etmiyorlar. Barış içinde yaşıyorlar. ”

Wieder einmal jährt sich der Todestag von Hrant Dink. Es muss Oktober oder November 2006 gewesen sein. Im Stadtteil Sisli in Istanbul hatte ich ein Termin. In dem betreffenden Gebäude, wo ich meinen Termin hatte, stieg ich in einen uralten Aufzug ein. Der Aufzug hatte eine Holztüre, die man erst einmal richtig zu machen musste, damit der Aufzug sich in Bewegung setzte. Mit mir zusammen stieg ein Mann ein. Der Aufzug war zwar für drei Personen, so stand es angeschlagen und Baujahr 1923, aber für uns beide reichte es gerade mal aus. Er schaute mir in die Augen und dann etwas höher, dass ich annahm, dass er meine fehlende Haarpracht bewunderte. Daraufhin sagte ich „So viel wie sie an den Augenbrauen an Haaren haben, hatte ich in diesem Leben niemals auf dem Kopf!“ Wir lachten herzhaft. Man konnte aus seinen Augen lesen, dass er ein gutmütiger Mensch war. Wir wünschten uns einen guten Tag, als er auf der dritten Etage ausstieg. Als ich dann auf der vierten Etage ausstieg, rief er von unten: „Machen Sie bitte die Tür gut zu, sonst funktioniert der Aufzug nicht!“. „In Ordnung!“ rief ich. „Vielen Dank, nochmals einen schönen Tag!“ rief er.

Am 19. Januar 2007 saß ich in meinem Büro im Istanbuler Stadtteil Moda. Ein außergewöhnlicher Ort, wo eine Moschee und dafür aber viele Kirchen existieren. Das Büro (Tiefparterre) war zwar mit Bosporus-Blick, aber man musste schon drei Stufen steigen, um alles bewundern zu können. So hatte ich einen riesigen Fernseher an der Wand und ein HD-Kamera auf dem Dach des Hauses. Den ganzen Tag den Bosporus in voller Pracht auf dem Bildschirm zu haben hatte was. Nur gelegentlich schaltete ich auf TV-Programme um, wenn ich Nachrichten schauen wollte. Es war so ein Moment. Ich schaltete vom Bosporus, auf etwas schrecklichem um. Die erste Meldung in den Nachrichten war, dass Hrant Dink auf offener Straße hinterrücks erschossen wurde. Da lag er, mit dem Gesicht auf dem kalten Bürgersteig.

Hrank Dink? Den Namen hatte ich oft gehört, besonders gefielen mir seine (normalerweise) friedensstiftenden Worte, aber bildlich hatte ich keine Vorstellung, wie er aussah. Dann zeigten sie ein Foto von ihm und mir wurde schlecht. Das war er, der freundliche Mann vom Aufzug. Ich spürte förmlich ein Stich ins Herz. Damit nicht genug sagte ein zukünftiger Geschäftspartner und Architekt, den ich für einen meiner deutschen Auftraggeber gerade beauftragen wollte und der sich in dem Augenblick im Büro aufhielt: „Geschieht ihm recht!“

Für einen kurzen Moment war ich in Schockstarre. Als ich klaren Gedanken fassen konnte, fragte ich ihm, wie er denn so etwas sagen könne. „Ist doch nur ein Armenier, es geschieht denen recht!“ sagte er. Das sagte er mit einer Gewissheit, als ob er wüsste, dass jeder Nichtarmenier die Armenier hassen müsse. „Ich glaube, dass sich unsere Wege hier trennen. Gehen Sie bitte, ich möchte mit Ihnen nichts mehr zu tun haben!“ sagte ich. Ich bin zwar immer ein Mann der Goldenen Mitte, aber das war des Guten zu viel. Er verstand nicht, was los war. Überrascht fragte er mich: „Sind Sie etwa Armenier?“
„Muss ich das sein?“

Er war ein Guter, ein Friedensstifter. Hrant Dink war ein Armenier mit türkischer Staatsbürgerschaft, Journalist und einer der Herausgeber der in Istanbul erscheinenden zweisprachigen Wochenzeitung Agos. Der von nationalistischen Kräften in Gesellschaft und Justiz jahrelang verfolgte Redakteur wurde am 19. Januar 2007 auf offener Straße erschossen. Interessant war, dass durch meine Haltung mir später mehr Nachteile widerfuhren als dem Architekten, der sich für türkische Verhältnisse ‚normal‘ verhielt. Leider beruhen diese Denkweisen auf beiden Seiten. Sich grün werden die beiden Ethnien wohl nie.

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