Die Schule, die um den Schuhputzer trauert

Gute Schulen und Bildungsstätten der Türkei waren Erdogan und seiner Tanztruppe immer ein Dorn im Auge.  Die Meldung, dass der Präsident der Türkei der angesehenen Bosporus University einen sogenannten Zwangsverwalter (Rektor) ernannt hat, schlägt in der Türkei immer noch hohe Wellen. Für die AKP wird die Bildungseinrichtung als zu Elitär eingestuft. Dabei muss man eine Aufnahmeprüfung bestehen und eine hohe Punktzahl erreichen. Wenn man von Elite spricht, dann ja, denn es sind schon die hellsten Köpfe, die es schaffen, dort unterzukommen. Wenn man die finanzielle Seite betrachtet, ja, wenn man kein Stipendium hat, müssen die Eltern schon tief in die Tasche greifen, aber daran kann es den AKP Bonzen nicht gelegen haben. Sie schicken ihre Kiddies z.B. in den USA in die teuersten Schulen. So gesehen erzeugen diese Jugendlichen der AKP Eltern noch mehr Kosten, als die auf der Bosporus University.

In diesem Zusammenhang begegnete ich heute der Kolumne meines Freundes Feyzi Açıkalın, der für die  Cumhuriyet schreibt, wo früher Can Dündar der Chefredakteur war.

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Die Überschrift lautet: „Die Schule, die um den Schuhputzer trauert.“

„Die gemeinte Schule wurde 1955 in Izmir Bornova von der levantinischen Familie Giraud gegründet und unter die Leitung des türkischen Kultusministeriums gestellt. Schon in den ersten Jahren war die Schule eine der angesehensten Gymnasien (6. bis 11. Klasse) des Landes geworden. Für die Tagesschüler war die Schule kostenlos. Lediglich die Internatsschüler mussten eine Prüfung ablegen und einen angemessenen Betrag bezahlen, damit die Kosten für die Unterkunft gedeckt waren. Es gab aber auch ein Kontingent für die Internatsschüler, die aus ärmlichen Verhältnissen stammten. Das Lehrerkollegium war interessant zusammengesetzt. Es  bestand aus Lehrern der aufgelösten Dorfinstituten und aus US-Amerikanern, die als freiwillige Friedensbotschafter sich im Land aufhielten.

Dem Bild kann man entnehmen, was für ein Frohnatur er war. Kazo mit den Schülern des Gymnasiums an seiner Ecke mit des Speisesaals. Sein einfacher, selbstgebastelter Schuhputzkasten vor ihm.

Der im letzten November verstorbene Kazim Abi (Abi steht für Bruder) war ein Zugehöriger der Roma aus dem Stadtteil Bornova. Von seinem Zuhause bis zur Schule war es ein kurzer Gehweg. Jeden Tag kam er mit seinem Schuhputzkasten zur Schule und setzte sich an die Wand des als Herz der Schule angesehenen Speisesaals. Wenn wir Malunterricht hatten, stand er uns Modell. Unser Mallehrer, der ebenfalls aus den aufgelösten Dorfinstituten stammte, bat ihn, sich auf den Lehrertisch zu stellen und ließ uns ihn mit dem Füller zeichnen. Anschließend bekam Kazim Abi für seine Dienste als Modell 10 Kurusch (1/10 türkische Lira) von uns. Mit der Zeit wurde Kazim Abi unser aller Freund, den wir „Kazo“ nannten. Überhaupt hatten wir ein sehr inniges Verhältnis zu den bosnischen Köchen, Kellnern, Technikern, Verantwortlichen der Wäscherei, der Telefonzentrale und der Krankenstation. Kazo war für uns aber etwas ganz besonderes. Zum einen sah er von den oben aufgezählten am jüngsten aus und zum anderen war er ein äußerst positiver Mensch. Dass er älter war als wir, ließ er uns nicht spüren. Mit einem lachenden Gesicht, war er immer an unserer Seite und unser Fluchtpunkt, bei dem wir Rat suchten. Den Abschlussklässlern des Internats besorgte er heimlich Zigaretten. Auch fischte er aus dem vor dem Lehrerzimmer stehenden Mülleimer die ins Unreine geschriebenen Fragen mancher unserer Klassenarbeiten. Wurden wir bei den Klassenarbeiten beim Fuschen erwischt und aus der Klasse rausgeschmissen, tröstete er uns. Nachmittags blieb er etwas länger, um mit den Internatsschülern Fußball zu spielen. Auf allen Fotos von uns und der Schule, war er drauf. Wenn die Stadtteilmannschaft Göztepe damals, wie auch heute wieder, in der höchsten Fußballliga spielte, gingen wir gemeinsam zuschauen.

Die Schüler der Schule verlebten eine interessante gemeinsame Zeit mit Kazo. Die Qualität des Lehrerkollegiums, folglich der Schule, schlug sich bei den Schülern nieder und bei Kazo. Wir befruchteten uns gegenseitig und wurden zu dem, was wir wurden, zu guten Menschen.

Ende des Sommers, immer wenn die Internatsschüler aus ihren Heimatstädten in die Schule zurückkamen, erfüllte sie der Anblick von Kazo, dass er immer noch da war, mit Glücksgefühlen. Während die Lehrerschaft neu besetzt werden konnte, war Kazo ein unverzichtbarer Teil des Ganzen geworden. Einmal, als ich auf dem Gymnasium war (damals die Klassen 9, 10 und 11) verschwand Kazo für einige Monate und als er zurückkehrte, hatte er auf einmal lange Haare, Koteletten und hohe Schuhabsätze, die in der Türkei noch nicht in Mode waren. Er wirkte auf uns wie ein Filmstar. Die Schüler grüßten Kazo jeden Morgen aus der Entfernung schon mit einem ‚Buon Giorno‘, denn er war in der Zeit des Verschwindens mit dem Zirkus Medrano, nach deren Gastspiel in Izmir, in Italien gewesen. Er hatte sich dem Zirkus angeschlossen und versorgte, wie er später erzählte, die Elefanten.

Kazo vor einigen Jahren. Die langen Haare, sein aus Italien mitgebrachter Haarschnitt, hatte noch Bestand, natürlich auch sein Lachen. Möge er in Frieden ruhen.

Die Eliteschüler können natürlich auch Schüler mit einem Dachschaden hervorbringen, so machte auch Kazo keine Ausnahme. Eine unserer Lehrerinnen bestand darauf, dass Kazo die Absätze seiner Schuhe kürzte. Er war recht traurig darüber, aber wir waren da, um ihn zu trösten.

So kann man festhalten, dass nicht das Geld die Elite-Schülern zu solchen werden lässt, sondern wie an der Bosporus University, das Lehrerkollegium, die Umgebung, die Atmosphäre und die Gesinnung, die man einatmet. Wir haben um Kazo getrauert, so wie es Eliteschülern gehört, möchte man fast sagen.“

Sinngemäß übersetzter Beitrag von Feyzi Açıkalın, Kolumnist der Cumhuriyet und Zahnarzt in Alanya.

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