Er hat halt seine Probleme mit klugen Frauen

Meine Oma Hilmiye Dener, war eine starke Frau. Mit 26 Jahren war sie die jüngste Lehrkraft auf einer türkischen Universität. Mathematik, Betriebswirtschaft und Astronomie, waren ihre Hauptfächer.

Ohne ihren Namen zu nennen, zielte er auf diese wunderbare kluge Frau, der er nicht das Wasser reichen kann. „Diese Frau der Person namens Osman Kavala, der wie der Vertreter von Soros agiert, ist ebenfalls unter den Provokateuren.“ sagte der wieder einmal in Rage geratenen (leider) Präsident der Türkei, Erdogan, in Zusammenhang mit den Demos der Bogazici University, in Zusammenhang mit der Ernennung des neuen Rektors bzw. Zwangsverwalters durch ihn.

“U.S. calls on Turkey to immediately release jailed philanthropist Osman Kavala”

Die Vereinigten Staaten haben am Mittwoch die Türkei aufgefordert, den Philanthrop und Menschenrechtsaktivisten Osman Kavala, der seit mehr als drei Jahren ohne Verurteilung inhaftiert ist, unverzüglich freizulassen.

“Die fadenscheinigen Anklagen gegen Kavala, seine anhaltende Inhaftierung und die anhaltenden Verzögerungen beim Abschluss seines Prozesses, unter anderem durch die Zusammenlegung von Fällen gegen ihn, untergraben die Achtung der Rechtsstaatlichkeit und der Demokratie”, sagte das US-Außenministerium.

Kavala wurde vor einem Jahr wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit regierungsfeindlichen Protesten von 2013 freigesprochen, jedoch sofort wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit einem gescheiterten Staatsstreich von 2016 erneut festgenommen. Ein Berufungsgericht hob daraufhin seinen Freispruch wegen Protestbeschuldigung auf.

Ein türkisches Gericht entschied am Freitag, die beiden offenen Fälle zu kombinieren, und lehnte Kavalas Antrag auf Freilassung ab. Das US-Außenministerium forderte die Türkei auf, sich an ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte Ende 2019 zu halten, wonach Kavala freigelassen werden soll.

Erdogan’s Leid mit den Andersdenkenden

Kommen wir zu dem Satz von (leider) Präsidenten der Türkei. Dort sagt er u.a. dass Kavala wie eine Vertretung von Soros agiert. George Soros ist ein US-amerikanischer Philanthrop und Investor ungarischer Herkunft. Er betreut viele Fonds, unter anderem den Quantum Funds, und unterstützt mit seinem Vermögen unter anderem Bürgerrechtsbewegungen, Bildungseinrichtungen sowie politische Aktivisten. Kavala behauptet Soros nur einmal im Rahmen einer Veranstaltung begegnet zu sein. Soros ist dem Erdogan natürlich ein Dorn im Auge, zumal er all die unterstützt, die mit normalem Menschenverstand agieren, also nicht so denken wie er, die Andersdenkenden halt. Auch die Nähe von Soros zu Israel, ist natürlich ebenfalls ein Grund, für seine Antipathie gegen ihn.

Die Frau von Osman Kavala wird zur Zielscheibe gemacht

Kommen wir eigentlich zu dem gefährlichsten Teil seines Satzes, wo er die Frau von Osman Kavala zu den Provokateuren zählt, wo doch die Studenten und das Lehrerkollegium der Bosphorus University allesamt zu den Provokateuren und damit zu den Terroristen zählen. Erklärung: Der (leider) Präsident der Türkei, seine Tanztruppe und seine Anhänger kennen nur dieses eine Wort, wenn sie jemanden diskreditieren möchten: Terrorist!

Einmal zur Zielscheibe gemacht, kann diesen Menschen in der Türkei und anderswo jederzeit etwas zustoßen. Wenn nicht geplant, was auch durchaus im Rahmen des Möglichen ist, wie wir wissen, dann durch einen Blindgänger, in Form eines islamistischen Nationalisten, der diese Dienste als eine Gefälligkeit tut.

Prof. Dr. Ayşe Buğra

Nennen wir diese tolle Frau beim Namen. Sie heißt Prof. Dr. Ayşe Buğra (69 Jahre). Allein die Tatsache, dass sie nicht den bekannteren Namen ihres Mannes, sondern ihren Mädchennamen trägt, dürfte schon ein Stein des Anstoßes sein, dass gewisse Leute ihr mit Hass begegnen. Eine Frau, die mit ihrem Namen ihren Weg in einer Männerwelt gemacht hat.

Ayşe Buğra ist eine türkische Sozialwissenschaftlerin, derzeit Professorin für politische Ökonomie am Atatürk-Institut für moderne türkische Geschichte und Mitbegründer des sozialpolitischen Forums der Boğaziçi-Universität in Istanbul. 2014 erhielt sie den TWAS-Preis für Sozialwissenschaften, der jährlich von der Weltakademie der Wissenschaften (TWAS) vergeben wird. Allein die Tatsache, dass die Frau so gebildet ist, muss den (leider) Präsidenten der Türkei doch schon aufregen.

Auf die Frage des Journalisten Ismail Saymaz, was sie in dem Augenblick sich gedacht hätte, als sie den Ausspruch des (leider) Präsidenten der Türkei hörte, antwortete Frau Buğra: “Natürlich wundern sie sich zuerst und sagen sich ‘das kann doch nicht wahr sein’. Es hat mich erschüttert, aber heutzutage muss man sich über nichts mehr wundern, denn alles kann passieren.”

Weiter sagte sie: “Ich bin in 2017 in Rente gegangen. Seit Anfang 2000 unterrichte ich keine Volkswirtschaft. Nur Doktoranden und Master Studenten werden von mir unterrichtet. Mit den sozialen Medien habe ich nichts zu tun. Das Internet benutze ich, weil ich dieser Tage Online unterrichte. In die Universität gehe ich also nicht, nur während der Demos bin ich 1-2 mal hingegangen, um den protestierenden den Rücken zu stärken. Bei einem Mal nahm ich an der Demonstration auch teil. Der Begriff “Provokateur” ist ganz schlimm und eine Beleidigung an die Adresse der Demonstranten, als ob sie jemanden bräuchten, die sie zu dieser gerechten Sache, anstiften müsste. Wir lehren unseren Studenten eigenständig auf ihren Füßen zu stehen, zu hinterfragen und nicht jedem hinterherzulaufen. Was soll ich sonst dazu sagen? Die AkademikerInnen versuchen ihre Universität zu beschützen. Bogazici Universität nimmt nicht jeden auf. Dazu müssen die Vorleistungen stimmen. Wer es bis hierhin geschafft hat, schafft es auch danach, auf eigenen Füßen zu stehen. Die Eltern bringen viele Opfer, bis  ihre Kinder in diese Schule schaffen. Sind ihre Kinder dann einmal bei uns in der Schule eingeschrieben, erklären sie sich von Anfang an solidarisch mit uns und deren Glück und Zufriedenheit kennt keine Grenzen. Bei diesen Vorzeichen ist es nur allzu selbstverständlich, dass ein Selbstschutzsystem in Kraft tritt.”

Foto: https://ichmeinsgut.de/2019/12/mit-26-jahren-die-juengste-lehrkraft-an-einer-tuerk-universitaet/Hilmiye Dener

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