Türkei: Die Preise kann man kaum mehr begründen

Die Indikatoren besagen, dass die Preise im türkischen Handel sinken müssten, aber sie steigen weiter. Die Türkei erlebte Zeiten, wo die Inflation, real wohlgemerkt, auf die einhundert Prozent kletterte. Ich betone das Wort „real“ deshalb, weil wir derzeit keine realen Zahlen erfahren können. Die Türkstat ist fest in AKP Hand und die Zahlen sind entsprechend nach Art des Hauses, verfälscht. Dabei kann man der Behörde nicht vorwerfen, dass sie die Zahlen falsch erfasst oder die Inflation falsch errechnet hat. Nein, wenn sie behaupten, dass sie nach einer Formel alles errechnen, dann stimmt diese Aussage, bis auf ein kleines Detail, denn die Formel ist immer wieder eine andere. So spielt man bei der Ermittlung der Inflation mit den Waren- und Dienstleistungskörben und kommt auf einigermaßen annehmbare, für türkische Verhältnisse annehmbare, Inflationsquote von 13%, obwohl die Analysten diese über 35% beziffern. Früher haben die Unternehmer an der hohen Inflation gut verdient. Stieg die Inflation um 10 Punkte, stiegen die Preise bei allen Waren und Dienstleistungen um 20 Punkte und mehr. Die Erklärung stand parat: „Ihr wisst, die Inflation, da mussten auf wir die Preise erhöhen.“ Interessant war, dass die Preise auch dann hoch blieben, wenn die Inflation fiel. Etwas ähnliches erleben wir dieser Tage.

Die Devisenkurse weiterhin auf hohem Level

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An der Devisenfront hat sich die Lage beruhigt. Der Euro stand mal bei 10 TL und ist jetzt bei 8,50 TL. Klingt schon besser, aber bedenkt man die Voraussagen früherer Jahre, so müsste die Türkei unter den 10 Industrienationen der Welt sein und der Euro bei ungefähr 4TL maximum stehen. Ich möchte auf etwas anderes zurückkommen. Da viele Produkte auf dem Markt, entweder komplett importiert werden, oder einen Importanteil haben, also stark von den Devisenkursen abhängig sind, stiegen die Preise in den letzten Jahren enorm. Die Begründung klang auch hier ähnlich: „Alles wird teurer, weil die Devisenkurse steigen, da müssen wir auch mitmachen.“

Jetzt, wo die Devisen (zeitweilig) günstiger zu bekommen sind, stellen wir auf einmal fest, dass die Preise nicht nach unten gehen, ganz im Gegenteil, sie steigen weiter. Buchen wir das mal unter „Macht der Gewohnheit“. Einmal dabei, die Preise zu erhöhen, immer dabei. Wenn also der Unternehmer diesen Weg geht, müsste doch der Staat etwas tun, um die Bevölkerung durch den Winter zu bringen. Da wären z.B. die Erdgaspreise. Die Verträge bei Einkauf von Erdgas wurden schon vor längerer Zeit zu fixen Devisenkursen abschlossen. Also wurde das Erdgas, oder wird immer noch, zu verhältnismäßig günstigen Devisenkursen eingekauft. Das gibt dem Staat die Möglichkeit, die Erdgaspreise zu senken. Nichts davon.

Die Preise steigen, trotz fehlender Nachfrage

Jetzt könnte man denken, egal was für einen Preis ich aufrufe, die Nachfrage ist so groß, die Menschen nehmen mir alles ab. Nein, genau das Gegenteil ist der Fall. Die Nachfrage ist kaum vorhanden, zumal das Geld dafür nicht da ist.

Nun gut, die Preisefront kann man natürlich nicht nur mit den Devisenkursen erklären. Da sind ja auch noch die Zinsen und wie leicht oder schwer man an Finanzierungen drankommt, oder welche Schulden man im Gepäck hat.

Eine ähnliche Situation hatten wir schon mal in 2018, als Erdogan den US-Amerikanischen Pastor als Geisel oder als Faustpfand für Verhandlungen mit den USA, hielt. Damals explodierten die Devisen auch und erst  nach dem der Pastor freikam und als man anfing die Zinsen zu erhöhen, beruhigte sich der Geldmarkt.

2020 scheint es auf dem Geldmarkt ähnlich zu verlaufen, nur mit einem Unterschied. Die Unternehmer sind bei immer schlechter verlaufenden Geschäften höher verschuldet und belastet, als es in 2018 jemals der Fall war. Die Preise sind mit dem Preissteigerungsvirus infiziert, denn auch, wenn man nichts verkauft, denkt der Unternehmer für den Fall, dass der Konsum wieder losgehen könnte, über diese Preise noch etwas retten zu können. Ein Trugschluss, wie eigentlich jeder weiß.

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