Der Weltfrauentag ist in der Türkei ein absurder Tag

Wer in der Türkei lebt und alle Sinne beisammenhat, kann am 8. März, zum Weltfrauentag, sich eigentlich nur wundern, was da eigentlich passiert. In der Türkei ist jeder Kalendertag des Jahres, einer Gruppierung gewidmet. Tag der Zahnärzte (22. Oktober), Tag der Lehrkräfte (24. Oktober), Tag der Steuerberater (1. März), Woche der Hebammen (21-28. April) usw. An diesen Tagen beglückwünschen sich die der Gruppe zugehörigen gegenseitig und unterstreichen, seitdem es Internet gibt, wie wichtig sie doch für diese Welt seien, ja, dass alles tatsächlich von ihnen abhängt und ohne sie nichts funktionieren würde. Beim Weltfrauentag trifft das zu. Die Welt würde ohne die Frauen nicht funktionieren und die Menschheit hätte es ohne sie nicht gegeben. Ich möchte nicht verkomplizieren, klar, ohne den Mann wäre es genauso, wenn doch die Geschlechter gleichgestellt wären.

Das ging schon gestern los, aber heute haben die gegenseitigen Glückwünsche der Frauen, wieder Fahrt aufgenommen. Die Frauen beglückwünschen sich den ganzen Tag lang zum Weltfrauentag. Ausnahmslos gratulieren sie sich gegenseitig. Natürlich in der Stadt. Die Frauen auf dem Lande, wissen nichts davon und wenn sie doch wissen, dass Weltfrauentag ist, was solls, ein Tag wie jeder andere.

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Die Stadtfrauen sind sogar beleidigt, wenn die Männer ihnen nicht gratulieren, ich meine die Männer, die sie schlagen, schlecht behandeln, misshandeln, oder mit Nichtbeachtung ihnen schlechtgehen lassen. Letztes Jahr waren es 474 von den Männern (die in dem jeweiligen Haushalt lebten) ermordete Frauen und das ohne die Dunkelziffer der nicht als solche deklarierten Morde. Ich möchte euch jetzt hier nicht mit Zahlen verwirren, die allesamt Negativrekorde darstellen, aber nur so viel, bei der Geschlechter- Gleichstellungs-Index 2020 ist die Türkei, unter 153 Ländern an 136. Stelle aufgeführt.

Welche Ziele hatte der (leider) Präsident der Türkei ausgerufen? Die Türkei sollte unter die ersten 10 Industrienationen schaffen. Davon entfernt sich das Land immer mehr und außerdem sei die Frage noch erlaubt: Kann das funktionieren, wenn nur 28,9% der arbeitsfähigen Frauen am Arbeitsleben teilnehmen und all die anderen Zuhause sind?

Am Abend des 8. März wird dann resümiert unter den Frauen, wie viele Glückwünsche sie an diesem, ach so wundervollen Tag, bekommen hätten. Hier sei noch daran erinnert, dass 42% der türkischen Frauen, physische und sexuelle Gewalt von ihren Ehemännern oder von dem Mann, mit dem sie zusammenleben, erfahren. Auch wenn ich eine Studie von 2009 erwischt habe, so hat sich alles Jahr für Jahr noch verschlimmert.

Die Situation für die türkische Frau verschlechtert sich, statt sich zu verbessern. Das sagen nicht nur die Statistiken aus, sondern auch das Handeln des politischen Islam in der Türkei. So sind Gewalt an Frauen und Kindern vor dem Gesetz bagatellisiert worden. Die Männer brauchen fast keine Angst haben, dass sie wegen Vergewaltigungen und Gewalt an Frauen und Kindern verurteilt werden. Nur gelegentlich passiert es, dass ein Mann tatsächlich zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt wird. Dann muss er aber ein Gegner der AKP sein. In Alanya dürften wir vor wenigen Jahren erleben, wie ein AKP Mann einen Fechtlehrer sagte: „In diesem Leben wirst du in Freiheit kein Tageslicht mehr sehen.“ Tatsächlich kam es so. In einer lächerlichen Gerichtsverhandlung von 45 Minuten, ohne Anhörung der Zeuginnen, es ging um die sexuelle Belästigung Schutzbefohlener, dabei muss ich wegen dem hohen Strafmaß erwähnen, dass es keine Vergewaltigungsversuche oder  Vergewaltigungen gab, wurde der Lehrer zu 60 Jahren verurteilt. Willkür pur.

Wenn wir dann morgen aufwachen, haben wir den 9. März. Schade, der Weltfrauentag ist vorbei. Es war doch so schön.

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