Mein Vater realisierte den Kohleausstieg schon sehr früh

Wer in Gesteins- und Hüttenkunde promoviert hat, hat zwangsläufig mit Kohle zu tun. Dr. Ing. Reyyan Dener, wäre heute 92 Jahre alt geworden, aber mit 65 ging er von uns. Zwar Chemiker, aber auch ein begnadeter Mathematiker und Physiker, ein Visionär in vielen Bereichen. Er zeichnete für über einhundert Projekte der Schwerindustrie und sonstiger Produktionsstätten der Türkei, aber auch in Deutschland. Er war es, der auf die Idee kam, die aus den Außengemäuern bestehenden und abgebrannte Çırağan Palast Ruine in ein Hotel umzuwandeln. Allein wegen dem Gedanken, türkisches Kulturgut in ein Hotel umwandeln zu wollen, wurde er verklagt und kam nur über Beziehungen ohne Strafe davon. Was seine Idee war, führte ich viele Jahre später als Konsortiumsmitglied aus und aus der Ruine des Palastes wurde eines der Top 10 Hotels der Welt, die Çırağan Palast Kempinski. Wenn man bedenkt, dass sich heute niemand um türkisches Kulturgut schert und alles verscherbelt wird, muss man sich wundern, wie die Obrigkeit damals wie heute reagierte bzw. reagiert, wenn nicht einer der Ihren etwas, dann noch was Gutes, realisieren möchte.

Das türkische staatliche Planungsamt (Devlet Planlama Enstitüsü), die Behörde, die auch heute über alle Fördergelder, Projektgenehmigungen etc. entscheidet, wurde durch ihn und seine Mitstreiter gegründet.

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Er konnte sehr gut Deutsch, dass aber hinderte ihn nicht daran, hinter jedem zweiten Satz ein “dass ich also praktisch” dranzuhängen. Nein Stopp, er hing diesen Zusatz nicht hinten dran, er fing das Gespräch damit an.

Damals zeigte mir der Doktor seinen türk. Ausweis der Chemiker-Kammer. Ich drückte mein Erstaunen aus, zumal in der Türkei traditionell alle ausl. Namen falsch geschrieben werden. Die Rheinisch-Westfälische Techn. Hochschule war richtig geschrieben und sogar abgekürzt. Der Doktor lieferte die Erklärung sofort. Da die mehrmals falsch geschrieben hatten, setzte er sich an die Schreibmaschine der Sekretärin und… 🙂

Promoviert hat er in Gesteins- und Hüttenkunde auf der TH Aachen. Über die deutsche und türkische Kohle hätte er Euch was erzählen können. Den Kohleausstieg schaffte er schon in jungen Jahren. Er wollte mit Kohleverdienen nichts zu tun haben und zehrte vom Eingemachten, welches damals reichlich vorhanden war.

Geduld ausüben war nicht sein Ding. Alles musste schnell gehen und wenn nicht, wechselte er über zu etwas anderem. Die, die ihn kannten, bewunderten ihn, seinen Scharfsinn und die Tatsache, dass sie einem gegenübersaßen, der vor Wissen und Erfahrung nur platzen konnte und zum Glück, statt zu platzen, alles ohne Filter an andere weiter gab (evtl. Ähnlichkeiten sind also kein Zufall).

Eine Anekdote: Da damals alle Größen des türkischen Lebens auf der Universität die Studenten von meinen Großeltern waren, so war auch der siebenmalige(!!!) Ministerpräsident und spätere Präsident der Türkei, Süleyman Demirel, es auch. Demirel protegierte meinen Vater wo er nur konnte. Gerade aus Deutschland zurück, wo er gerade promoviert hatte, setzte er meinen Vater an die Spitze der türkischen Zementindustrie. Damals war der ‘Doktor’, wie wir seine drei Söhne ihn Zeit seines Lebens nannten, gerade mal 33 Jahre alt. Schon am ersten Tag fand ein Treffen mit Demirel statt, der ihm ein Anliegen ihm vortragen wollte. “Reyyan, bald stehen die Wahlen an und ich möchte jeder Provinz in der Türkei (damals 69, heute 81 Provinzen), eine Zementfabrik versprechen. Mein Vater, so ehrlich wie er war, sagte: “Süleyman Bey, Sie als Bauingenieur von Beruf wissen, dass das niemals funktionieren kann. In kürzester Zeit wären fast alle Zementfabriken pleite, oder würden für die Staatskasse eine große Belastung darstellen.” (Erkl.: Die Zementwerke müssen, wegen der kurzen Transportwege, immer dort sein, wo die Bautätigkeit am stärksten ist und das war in der damaligen Türkei nur in den Metropolen der Fall.) Demirel sagte wohl: “Das ist mir bewusst, aber wenn ich dir sage, dass du diese Projektieren sollst, sollst du das bitte machen!” Mein Vater hielt abermals dagegen und die beiden gingen, jeder für sich “Not amused” auseinander. Am Abend soll mein Vater einen Anruf bekommen haben, dass er besser selber kündigt, bevor Herr Demirel ihn von der Position entfernt bzw. er gegangen wird. So fand die Karriere meines Vaters an der Spitze der türkischen Zementindustrie ein schnelles Ende. Manche sagen, dass es 24 Stunden dauerte, aber mein Vater erzählte, dass die Entscheidung dass er geht, erst am zweiten Tag fiel. 🙂

Er und mein Opa erzählten auch, dass 1952, als der Doktor erstmals zu Studienzwecken in Deutschland war, die türkische Währung wohl recht stark war gegenüber der D-Mark. Das brachte mit sich, dass viele Kommilitonen vom Doktor, die das Monatsende finanziell nicht schafften, sich an ihn hielten. Er soll für die Zwischenfinanzierungen zuständig gewesen sein.

Ruhe in Frieden Doktor, du hast viel Farbe in unser und vieler Leben gebracht und deine Werke die du erschaffen hast, gibt es noch heute und bilden das Fundament der türkischen Wirtschaft.

Der Doktor und ich.

Der Doktor beeinflusste mein Leben sehr stark. Wer die Geschichten mit ihm, mit mir und mit uns lesen möchte, folgt bitte diesem Link, aber sofort!: LINK-LINK-LINK.

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