100 Gramm Rassismus bitte! – “Bist’ auch’en Türk?”

Rassismus oder was? Wie jeden Freitag war ich beim Bauern Eier holen. Auf der Tür stand, wie schon seit Beginn der Pandemie “Bitte einzeln eintreten!”. Gesagt, getan. Schon waren wir mit der Verkäuferin zusammen drei Personen im Laden. Die eine war eine Quasseltante, die wohl nicht mitgezählt wurde. Zuerst sagte sie: “Ich gehe mal raus, dass der junge Mann rein kann.” Was natürlich immer wieder schön ist, in diesem alter noch “jung” zu gelten. Die Verkäuferin kennt mich und gibt mir, ab einer bestimmten Menge, ab und an gefärbte Eier als Bonus mit. Das hängt jeweils von ihrer Lust und Laune ab ob es 2, 4 oder sechs Eier werden. Ganz sicher ist, dass sie mit ungeraden Zahlen nicht so kann.

“Du kannst reinkommen!” rief sie zu der Quasseltante, ich sei kein Fremder. Was so viel bedeutet: “Wir kennen uns, da passiert schon nichts mit Corona.”

“40 XL brauche ich!”

Da fragt sie “Braune?”

Braune mag ich nicht, aber doch, ich möchte braune bitte! Sie versteht, wie das gemeint ist. Danach zeigt sie auf ein Haufen von Eiern, die abgeholt werden sollen und sagt: “De sinn für deine Ex-Nachbor, de Türk!” Stimmt, meine Ex-Nachbarn waren Türken. Dann ging es mit Klatsch und Tratsch weiter. “De Tochter hängt mit den Kindern immer bei der Mama rum, die brauchen eigentlich keine eigene Wohnung.” Woher sie das wiederum weiß? Ich sage: “Deshalb die vielen Eier!” Dann auf einmal: “Du bist aber kein Türk, oder bist’ auch’en Türk?”

“Sehe ich so aus? Ich bin doch blond.” sage ich und ziehe meine Kappe aus, damit sie die Glatze sehen kann. “Dachte ich mir!” sagt sie. Dann stelle ich richtig: “Nun gut, ich bin schon lange Deutsch, aber geboren bin ich in der Türkei.” Sie dreht sich zu der Quasseltante rum und sagt: “Die sind aber ganz nett, auch seine Frau ist in Ordnung, fast wie eine Deutsche.”  Ja, aber fast, denn sie hat in Deutsch bis jetzt nur das A2 Zertifikat. Zum Glück trug ich eine Maske, sonst hätte sie mein breites Lächeln sehen können und was ich so dachte, versteckte ich außerdem unter meiner Kappe.

“Du bist aber schon lange hier, oder?” Als ich einen kurzen Lebenslauf runterrasselte, sagte die Quasseltante: “Ihr seid sicher Stadttürken!” Ich ärgere mich, dass ich keine Kamera dabei hatte. So etwas kannst du dir sonst nicht ausdenken. So erfuhr ich, dass sie unter den Türken Abstufungen machte. Daraufhin wollte ich sie nicht enttäuschen und sagte, dass ich auch nicht über die normale Route nach Deutschland gekommen wäre. “Wie denn sonst?” fragte sie daraufhin neugierig. “Ich bin zur Kieler Woche gekommen, mit einer Galeere, ich war der Trommler, der den rudernden Sklaven den Takt vorgab.” Ich war ja Stadttürke, wie die Frau feststellte, was hätte ich den sonst auf der Galeere sein sollen? Ich merkte, das ich zu weit abgeschweift war. Die Pointe überforderte die beiden, wo ich doch fest mit einem Lacher gerechnet hatte. Sicher haben sie mich exakt nach diesem Satz in ihren Köpfen, abgestuft, zumal sich das ganze wie wirres Zeug angehört haben muss. Eigentlich hätte ich fragen müssen; “Sie sind aber keine Stadtdeutsche, oder?” Habe ich nicht getan, denn sonst hätte ich das nächste mal die Eier woanders kaufen müssen. So etwas nehme ich mit Humor. Wieder mal Situationskomik vom feinsten. Sicher, es gäbe noch die Möglichkeit, dass ich hätte böse reagieren können, dass das so nicht geht… Schwamm drüber! Ich hatte Spaß und das zählt. Ein schönes Wochenende.

Vodafone Türkei Flat
Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

Das könnte dich auch interessieren …