Türkei: Ene mene meck, und du bist weg! Oder, fische nicht in fremden Gewässern.

Das Titelfoto ist eigentlich zu schön für solch ein Thema.

Heute möchte ich Euch mal aus dem Nähkästchen erzählen, dass Euch ganz anders wird. Anfang der 90er Jahre hatte ich die Vertretung einer großen deutschen Marke in der Türkei, welche der Lieferant der Fernsehhersteller in der Türkei war. Um die Marken nicht preiszugeben, muss ich mich leider etwas umständlich ausdrücken. Doch vorab eine aktuelle Meldung, welche auch mit der darauf folgenden Anekdote zu tun hat.

Die Entscheidung des (leider) Präsidenten, mit der Änderungen zur Einführung zusätzlicher Zölle auf die Einfuhr einiger Produkte, wurde am 22.04.2021 im Amtsblatt veröffentlicht.

Die neuen Steuersätze bzw. die komplette Befreiung von Zöllen, gelten für die Einfuhr von Kunststoffen, Papier-, Textil- und Metallprodukten, einige elektrische und elektronische Produkte, Teile und Teilen von Kraftfahrzeugen, Armbanduhren, Taschen- und Wanduhren, und Beleuchtungsgeräten.

Aus heiterem Himmel, die Gummiprodukte aus Vinylchloridpolymeren zollfrei stellen?

Wenn so etwas Spezielles wie Kunststoff- und Gummiprodukte aus Vinylchloridpolymeren, Papier und Pappe in Rollen und Hohlstabprodukte u.a. zollfrei gestellt werden, müssen einige AKP nahe Personen daran gewaltig profitieren. Warum sonst sollte der (leider) Präsident der Türkei sich mit solchen Dingen befassen, wo er doch vor vielen unlösbaren Problemen in Zusammenhang mit der Wirtschaft steht?

Immer, wenn aus dem Nichts einige Produkte aus dem Ausland zollfrei importiert werden können, werden auf Kosten der Türkei, die die Devisen teuer kaufen muss, Geld verdient.

Ene mene meck, und du bist weg!

Die Marke, die ich in der Türkei vertrat, teilte sich den Weltmarkt mit einem ebenfalls deutschen Konkurrenten. Ich hatte damals leichtes Spiel, zumal der größte Einkäufer des Produktes in der Türkei ein Freund von mir war. Er war es, der mich auf die Fährte des deutschen Unternehmens setzte. Es galt die Alleinvertretung zu bekommen, was auch gelang. Der Start war hervorragend. Es gab in der Türkei zwei Abnehmer für das Produkt und mein Freund machte davon 93% aus. Der deutsche Konkurrent, der vormals 100% Marktanteil in der Türkei hatte, belieferte nach dem wir auf dem türkischen Markt aktiv wurden, die restlichen 7%. Wir waren gerade fünf Monate auf dem Markt und ließen es uns gutgehen. Den viel war nicht zu tun. Der Käufer, also mein Freund und Geschäftspartner, gab einen Lieferplan für das ganze Jahr ab. Diesen reichten wir an den Produzenten weiter und mussten lediglich bei den sieben Lieferungen im Jahr die Verzollung realisieren.

Der Zollagent steht in der Türkei über allen Dingen (bei Ex- und Import)

Vor dem dritten Import rief mich der Zollagent an, der in der Türkei Gott spielen darf, zumal ohne ihn weder die Importe noch die Exporte funktionieren. „Ahmet Bey, Sie müssen für die Verzollung noch mehr Geld schicken.“ Ich hatte nämlich den Betrag, welcher beim Import fällig werden würde, auf Anweisung des Zollagenten schon einige Tage vorher an ihn überwiesen. „Wieso mehr, Sie müssen doch den Betrag schon auf dem Konto haben!“ „Das schon, aber die Zollsätze für Ihr Produkt sind enorm gestiegen!“ Das Wort „enorm“ hatte schon Gewicht, denn selbst wenn der Zollagent gesagt hätte, dass die Zollsätze „etwas“ gestiegen wären, hätte das für europäischen Ohren, zu denen ich mich zählte, gewaltige Dimensionen bedeuten können. „Wie hoch ist denn jetzt der Zollsatz?“ Es ist nur auf meine damalige Konstitution zurückzuführen, dass ich keinen Herzinfarkt bekam, oder gar tot hinfiel. „Der Zollsatz beträgt jetzt 140%!“ Jetzt könntest Du sagen „Ja, wenn es von 130 auf 140% stieg, dann geht es ja noch.“ Tja, dem war leider nicht so. Vorher zahlten wir nämlich lediglich 3% (in Worten: Drei Prozent) Zoll. Jetzt ein Plus von 137%. Woher nehmen? Nicht nur das… Den Betrag verdienten wir gar nicht. Unser Verdienst nach Abzug aller Kosten betrug ca. 17%. Ich fragte meinen Partner, den Einkäufer, ob man diesen Betrag kompensieren könne, obwohl ich die Antwort kannte. „Unter keinen Umständen! Du weißt doch, dass ich den Einkaufspreis extra so gelegt habe, dass wir beide den höchsten Profit haben und ein Geschäft noch möglich ist.“ Es gab nichts zu überlegen. Dennoch dachten wir, bevor wir den Sachverhalt dem deutschen Produzenten mitteilen, überschlafen wir besser das Ganze nochmal. Am nächsten Morgen ging es Schlag auf Schlag.

Woher wusste unser Konkurrent, dass wir nicht mehr liefern konnten?

Die Vertretung der Konkurrenzmarke ruft beim Einkäufer an und sagt: „Sie haben gehört, wie die Zölle bei diesem Produkt explodiert sind. Wir haben aber noch ausreichend Lagerware, dass wir Sie ein Jahr lang noch zum alten Preis beliefern können.“ Wir waren raus aus dem Geschäft. An dem Tag hielt ich das türkische Amtsblatt in den Händen und traute meinen Augen nicht. Tatsächlich, alle ähnlichen Produkte der Gattung hatten ihre Zollsätze behalten, nur der Zollsatz für unser Produkt war angehoben worden. Eigentlich wollte ich das nicht unter Zufall abtun, denn in der Türkei hat alles einen Grund, wie die Zollfreistellungen von heute und durch die letzten Jahre. Immer verdient irgendwer daran mit, aber doch nicht bei Zollsteigerungen!?

Ich erfuhr leider zu spät, dass ich in fremden Gewässern fischte.

Der Hersteller war bereit die Ware im Wert von 600.000 DM zurückzunehmen. Die Rückabwicklung bzw. Rückversand der Ware war schon ein Fall für sich, denn die Ware war schon auf dem Zollgelände. Sechs Tage später war die Ware wieder unterwegs zurück nach Deutschland. Jetzt ratet Mal, was am siebten Tag passiert ist. Im offiziellen türkischen Amtsblatt kommt eine Berichtigung, dass es sich bei dem Zollsatz von 140% um einen Druckfehler handelte. Die Warengruppe war eine ganz andere und es ginge um ein Fleischprodukt. Es war nicht schwer zu erraten, warum das alles so gekommen war, denn die andere Marke, das Konkurrenzprodukt, wurde in der Türkei, vom Bruder des damaligen Ministerpräsidenten Turgut Özal vertreten. Dieser wusste, dass wir das Geschäft unter diesen Konditionen aufgeben mussten. Schon hatte er wieder freie Fahrt und konnte seine 100% Marktanteile wieder einheimsen.

Das hat Tradition in der Türkei

Özal war in seiner Einstellung zum Islam nicht viel anders als der Muslimbruder wie Erdogan. Was man ihm zugute halten muss, dass er die türkische Wirtschaft auf Trab gebracht hat und dafür gesorgt hat, dass sie nicht so zerbrechlich ist, wie früher. Da muss man nicht spekulieren, was die letzten 18 Jahre noch an Business mit Fehldrucken u.a. abgelaufen ist.

Auch der verstorbene ehemalige Finanzminister Unakitan war sogar verurteilt worden, wegen so einem „Fehldruck“ welcher keiner war. Es gab für Latschen, die aus der Türkei exportiert wurden, 2 oder 3 USD pro Stück Subvention. Dabei kosteten diese nicht einmal die Hälfte in der Herstellung. Die Ware war aus China importiert, aber nicht die Stückzahl, die in den Frachtpapieren aufgeführt waren, viel niedriger. Die LKW’s die mit Frachtpapieren, die eine viel höhere Zahl an Latschen auswiesen, als tatsächlich beladen, warteten für den Export bereits an der türkischen Grenze nach Bulgarien und Griechenland. Nach der Veröffentlichung der Subvention im Amtsblatt wurden sie sofort, noch an dem Tag exportiert. Ich glaube mich daran zu erinnern, dass über 300 Mio. USD den türkischen Staatssäckel Richtung private Taschen verließen. Der Minister u.a. Beteiligte wurden zwar verurteilt, mussten aber die Strafen nicht einsitzen. Sieben Mal brachte die AKP einen Gesetzesantrag, um ihn vor der Strafe zu bewahren. Am Ende kam die Änderung im Gesetzestext durch. Keine Ahnung, ob diese Strafen überhaupt bei ihm im polizeilichen Führungszeugnis jemals auftauchten, zumal der o.g. ja später Finanzminister wurde. Das ist so, als würde man dem Juwelendieb die Leitung einer großen Schmuckfirma übertragen. Er war ein lustiger Typ, wir kannten uns sehr gut. Er sagte immer: „Ahmet, Du bist klug, wenn Du dazu noch etwas mehr tun könntest, wärst Du eine große Nummer bei uns.“ Mit dem „etwas mehr“ meinte er, die islamischen Rituale umsetzen, was er sehr gut konnte. Einmal ließ er bei einer Fahrt zwischen Bonn-Beuel und dem Köln/Bonner Flughafen, eine Strecke von knapp 15 Minuten, auf halber Strecke das Fahrzeug anhalten und betete auf seinem Gebetsteppich direkt neben der Autobahn. Möge er in Frieden ruhen, zumal er echt ein lustiger Typ war, der gerne lachte und immer zu Späßen aufgelegt war, während er für manche Menschen und die Türkei Schicksal spielte. Später hat er mich voll ausgenutzt und auflaufen lassen, aber da gebe ich ihm nicht die Schuld. Ich war noch zu unerfahren und neu im Geschäftsleben und wusste nicht, wie das in der Türkei ablaufen kann. So ist das Leben. Es gibt Geben und Nehmen und bei manchen, Nehmen und Nehmen.

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