Darf man seinen Peiniger „Schuft“ und „Vergewaltiger“, also beim Namen nennen??

Wie soll man einen Vergewaltiger sonst nennen? – Ich hatte schon 2018 über das Leben der mutigen Songül, die heute 46 Jahre alt ist und in Deutschland lebt, berichtet. Mutig, weil sie die Geschehnisse in die Öffentlichkeit trug und seit mittlerweile über dreißig Jahren dafür kämpft, dass die Täter ihre gerechten Strafen bekommen. Die Verurteilung gab es, aber einsitzen musste niemand. Es passierte, als sie erst 12 Jahre alt war in der zu Provinz Antalya gehörenden Städtchen Serik.

Eine herzzerreißende Geschichte für unsereins, aber eine, die Songül damals fast aus dem Leben gerissen hat. Sie lebte damals mit ihrer Mutter in Serik. Aus finanziellen Nöten heraus, musste sie mit 12 Jahren die Schule verlassen. Sie fing an, in einem Supermarkt zu arbeiten und schon war sie im Fokus des 25 jährigen Sohn des Ladeninhabers.

Mit der Zwölfjährigen passieren schlimme Dinge. Es dauert nicht lange und sie wird von dem o.g. jungen Mann vergewaltigt. Das dauert über mehrere Jahre an. OBACHT, dieser Sachverhalt soll gleich eine Rolle spielen: Fortan wird sie vom Peiniger in der Öffentlichkeit als leichtes Mädchen beschrieben. Das veranlasst Männer, die ihr Vater sein könnten, ebenfalls zu Dingen, die man mit einer Zwölfjährigen gefälligst nicht tun sollte. Sie erleidet körperliche und seelische Folter über Jahre. Als sie dann mit 15 Jahren schwanger wird, beschließt sie das Kind auszutragen.

Eigentlich beschließt das Kind, das Kind auszutragen, als Schutz auch, damit die körperliche Tortur wenigsten in der Zeit der Schwangerschaft und darüber hinaus, womöglich aufhört. Zwischenzeitig startet sie Versuche, gegen die Familie des Peinigers gerichtlich vorzugehen. Jedoch ist die Familie in der Gegend zu mächtig und sorgt dafür, dass alles unter den Tisch gekehrt wird.

Einige Tage nach dieser Aufnahme soll die Tortur für Songül losgegangen sein.

Das Leiden von Songül findet kein Ende. Der Peiniger weigert sich die Vaterschaft anzuerkennen. Es kommt aber noch schlimmer. Der Onkel des Peinigers bietet ihr Schutz an und vergewaltigt Songül abermals. Zu der Zeit ist Songül im sechsten Monat schwanger.

Um ihr Neugeborenes zu ernähren, kellnert sie in einem Hotel-Restaurant. Dort lernt sie den späteren deutschen Ehemann kennen.

In Deutschland angekommen, O-Ton Songül: „Auf einmal merkte ich, dass eine Frau was wert ist und Rechte hat. Nun hat sie ein Ziel vor den Augen, sie möchte die Familie des Peinigers zur Rechenschaft ziehen, die ihr die Kindheit und eigentlich das Leben gestohlen haben.

In Deutschland wird sie eine erfolgreiche und angesehene Geschäftsfrau.

Sie schafft es in der Türkei, in eine populäre Fernsehsendung, ähnlich Akte XY. Nach zwei Sendungen, bevor es für die Peiniger-Familie eng werden könnte, wird sie ausgeladen. Dabei standen die Chancen für eine Klage gut, zumal über die Sendung sich Zeugen meldeten.

Es kommt noch schlimmer. In den sozialen Medien wird verbreitet, dass Songül über die Sendung berühmt werden und Geld machen wollte. Dabei möchte sie nur Gerechtigkeit. Wer geht schon in die Öffentlichkeit und berichtet, wie sie vergewaltigt wurde.

Songül (46) hat Krebs. Auch dagegen kämpft sie an. Großartig finde ich, dass ihre beiden Kinder ihr beistehen und sie in ihrem Kampf gegen die Krankheit, aber auch in Ihrem Kampf für Gerechtigkeit, unterstützen. Die Geschichte veröffentliche ich natürlich mit ihrem Einverständnis.

Damit kein falscher Eindruck entsteht, sie braucht keine finanzielle Unterstützung, denn sie ist gut versorgt. Sie möchte nur Gerechtigkeit.

Es existiert ein DNA Test. Der Vergewaltiger ist der Vater und soll auch gestanden haben, nur die Vaterschaft möchte er nicht anerkennen. Er genießt das Leben.

„Ich möchte nicht sterben, bevor mir Gerechtigkeit widerfährt!“ sagt sie. In der Türkei ist die sexuelle Misshandlung der Kinder, derzeit eher ein Kavaliersdelikt, zumal vor Gericht jedes Mal so dargestellt wird, als hätte das Mädchen selber eingewilligt.

Um Ihre Geschichte in der Türkei öffentlich zu machen, kaufte sie dort eine kleine regionale Zeitung. Nur so war es möglich, dass die Geschichte, zumindest in kleinem Rahmen bekannt wurde.

Da sich mein Lieblingsminister (Ironie) sich ebenfalls eingemischt hat und die Familie des Täters deckt, wird ihr, so weiß ich das von anderen Fällen, niemals Recht widerfahren in der Türkei, solange nicht, wie die AKP regiert.

Es kam aber noch schlimmer für Songül. Die Familie des Täters meinte wohl, dass Angriff die beste Verteidigung ist und zeigte sie wegen Beleidigung an. Sie soll ihren Peiniger „Schuft“ und „Vergewaltiger“ genannt haben in der Öffentlichkeit. Wie ich finde, machte sie nichts Verkehrtes, den Täter beim Namen zu nennen, was er ist, nämlich ein „Schuft“ und „Vergewaltiger“ sollte keine Strafe hinter sich ziehen. Man beachte bitte, oben hatte ich bereits erwähnt, dass Songül von der Familie ihres Peinigers als „Leichtes Mädchen“ genannt wurde in der Öffentlichkeit. Das geht, wenn der Mann das behauptet, aber nicht, wenn die Frau nach Gerechtigkeit schreit und ihren Peiniger beim Namen nennt.

Mittlerweile liegt in der Türkei ein Haftbefehl gegen sie vor. Zustände wie im alten Rom möchte man fast sagen, aber so schlimm wird es dort wohl auch nicht gewesen sein.

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