Türkei-Tourismus: “Wir werden jeden impfen, der dem Touristen ins Blickfeld kommen könnte.”

Burg von Alanya

Der politische Islam – Warum sie den Tourismus hassen müssen. Die Detailkenntnisse, als damals die AKP gegründet wurde, kann ich nicht haben, zumal ich mich erst mit der Ära Erdogan für die Türkei- und Weltpolitik zu interessieren anfing. Das sind aber auch schon 20 Jahre. Warum erst mit Erdogan das passierte, ist leicht erklärt. Ich erlebte Unrecht und Willkür mit eigenen Augen, „Live“ sozusagen und fing an mich zu verändern. Als er wie angekündigt den Demokratie-Zug verließ, wartete ich schon am Bahnhof auf ihn, könnte man sagen. Ich möchte Euch heute mit einer Tatsache konfrontieren, die mir auch so neu war. Erst die Kolumne meines geschätzten Freundes Feyzi Açıkalın (im richtigen Beruf praktizierender Zahnarzt) in der Cumhuriyet Zeitung, machte mich darauf aufmerksam und einige Dinge erklärbar. Ich fragte mich immer, warum die AKP den Tourismus hasste und nie dafür, eigentlich immer dagegen arbeitete. Nach meiner Logik stand nur der politische Islam im Wege. In der besagten Kolumne fand ich die Erklärung.

Açıkalın stellt darin fest, dass von den 60 AKP Gründern nur ein einziger aus dem Mittelmeerraum stammte und dieser auch nicht direkt am Wasser lebte, sondern mehr im Landesinneren. Alle anderen kamen aus Mittel- und Ostanatolien und einige aus dem Schwarzmeerraum. Somit hatten sie allesamt, mit dem einzigen Devisenbringer der Türkei, nämlich dem Tourismus, nichts am Hut. Wie unwichtig ihnen der Tourismus war, zeigten sie mit ihrer Wahl der Minister für Tourismus, die von der Materie keine Ahnung hatten.

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Der Tourismus spült westliche Werte ins Land. Pfui!

Damit nicht genug… Als die AKP den Job übernahm, die Türkei zu führen, schmeckte ihnen das gar nicht, dass die meisten Touristen, eigentlich fast alle, aus westlichen Ländern kamen oder westlich orientiert waren. Man interessierte sich lediglich für die Tourismuseinnahmen und sah davon ab, mit längerfristigen Plänen den Tourismus aufzubauen und zu unterstützen. Tourismusinvestitionen waren wiederum interessant, zumal jede Investition in Beton, also Bau, rechnerisch Wirtschaftswachstum bedeutete. Gebaut wurde des Bauens wegen und nicht um die Tourismusindustrie zu puschen. Die Tourismusindustrie wuchs ohne Plan und Aufsicht. Die Natur musste zu Zeiten der AKP ausbluten. Sie musste großen Hotelbauten ausweichen. Dem Wähler aus den Tourismuskreisen war das ein Wink: “Schaut, wir lassen euch machen und kontrollieren euch nicht, also müsst ihr uns wählen.” Das passierte auch. Heute finden wir in der Tourismusbranche kaum jemanden, der eine andere Partei als die AKP wählt.

Es war auch einfacher sich nicht in Tourismusangelegenheiten einzumischen, wovon man keine Ahnung hatte. Nur wurde der Branche immer wieder durch die Blume gesagt, dass man sie zwar machen lässt, aber jeder Zeit kommen und auf die Finger hauen könnte, wenn etwas nicht so lief, wie von der AKP erwünscht.

Sie ließen die Ihren zu kleinen regionalen sogenannten Pro-Tourismusorganisationen zusammenschließen und die Stimme zu heben, wenn die Branche zu meutern drohte. Die Gruppierungen wirkten im Sinne der AKP beschwichtigend. So ließ die Branche alles mit sich machen.

Statt die westlichen Touristen zu umwerben, benutzten sie den Tourismus, um dem Westen zu zeigen, wo der Hammer in der Türkei hängt. Der Tourismus wurde politisiert. z.B. musste der Tourismus dafür herhalten, um dem Westen zu zeigen, dass sich die Türkei vom Laizismus entfernt. Umworben wurden die im Westen lebenden Muslime, aber auch die, die aus dem arabischen Raum kamen.

Die Wirtschaft lag am Boden als Covid 19 an der Türk klopfte

Dann kam Covid-19 und zuvor schon war die Wirtschaft im Begriff pleite zu gehen. Es wurden dringend Devisen benötigt. Da die Importe die Exportumsätze auffraßen, war der Tourismus der einzige Devisenbringer und wurde auf einmal wichtig. Nur hatte der Westen mit notiert, wie schlecht die Pandemie in der Türkei gemanagt wurde. Lauter Minuspunkte, wo man auch hinschaute. Das planlose Vorgehen hatte auch hierbei Bestand. Derzeit ist man dabei, mit einem dreiwöchigen Lockdown, nur für die Bevölkerung und nicht für die Touristen, die Sommersaison noch zu retten.

Dann spricht der Außenminister, wohlgemerkt nicht der Tourismusminister, den Satz: “Wir werden jeden impfen, der dem Touristen ins Blickfeld kommen könnte.”

Welch ein menschenverachtende Wortwahl. Die Touristen sind die Könige und Königinnen und dass, was denen ins Blickfeld laufen könnte, die Türken, die wie Tiere gegen Tollwut, gegen Corona geimpft werden sollen. Natürlich sind die Menschen laut geworden wegen dieser Aussage, aber laut im Stillen, über die sozialen Medien, wie üblich.

Der Außenminister, der mit dem (leider) Präsidenten die Türkei und den Tourismus jahrelang haben ausbluten lassen hat, stammt ausgerechnet aus Alanya. Ich bin oftmals Zeuge geworden, wie die Menschen aus der Tourismusbranche, die ihn hassen, reagieren, wenn er in die Stadt kommt. Nichts mehr davon. Sie kriechen ihm in den Hinterhof und hoffieren ihn, als hätte er jemals etwas besonderes für die Region geleistet.

Maas möchte Türkei-Urlaub möglich machen

Bundesaußenminister Heiko Maas will mit der Türkei an Regelungen arbeiten, um deutschen Touristen sicheren Urlaub in Ferienregionen des Landes zu ermöglichen. “Wir wollen, dass im Sommer so viel Urlaub möglich ist, wie eben verantwortbar ist”, sagte er nach einem Gespräch mit seinem türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu in Berlin. Das war in der letzten Woche.

Sicher wird mit dem Wegfall der Pandemiebeschränkungen der türkische Tourismus, dem Anschein nach, wieder zum Höhenflug ansetzen, aber eines sollte man nicht vergessen. Durch das schlechte Management der Tourismusindustrie gab der Tourist, nehmen wir das gute Jahr 2019, genauso viel aus wie in 2005. Dazwischen liegen 14 lange Jahre und in jedem dieser Jahre sind alle Preise gestiegen. Allein der Strompreis steigt in der Türkei im Schnitt jedes Jahr um 10%. Jetzt könnt Ihr Euch ausrechnen, was man in der Tourismusbranche der Türkei noch verdient.

Der Servicequalität waren die letzten Jahre nicht dienlich. Die leidende Branche kann nur durch immer billigere Arbeitskräfte die Kosten auffangen und versuchen von der kleinen Marge leben. Also hat man auch hier die Türken ausgemustert und mehrheitlich billigere syrische Migranten eingestellt. Die typisch türkischen Gerichte in den Hotel Restaurants haben mittlerweile einen leichten syrischen Touch.

Die Hotelbesitzerfamilien sind keine Notleidende

Die meisten, die mit dem Tourismus befasst sind, sind Familien, die vom Hause aus wohlhabend sind und über reichlich Schwarzgeld verfügen. Diese Gelder stecken in ihren gewaltig großen Hotelbauten u.a. Bleiben ihre Hotels einige Jahre leer, so tut das denen kaum weh. Lediglich die Menschen, die hätten in diesen Hotelburgen arbeiten sollen, bleiben auf der Strecke. Die Hotelbeschäftigten in den Urlaubsregionen sind SaisonarbeiterInnen. Knapp ein halbes Jahr arbeiten und 12 Monate davon leben. Mittlerweile können sich die meisten dieser Menschen nicht mehr erinnern, in welchem Jahr die sechs Monate, an denen sie arbeiteten, waren, zumal sie auch noch in Konkurrenz zu den syrischen Flüchtlingen/Migranten stehen, die ihre Gehaltsforderungen so weit runterschrauben, bis die türkischen Hotelbeschäftigten vor die Tür gestellt werden.

 

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