SIMIT – „DER TÜRKEN TÄGLICH BROT“ – Meine Tagesspiegel Kolumne v. 08.12.2021

Damals, als ich im März 2017 die
Türkei verließ, kostete ein Simit
(Sesamring) einen Türkischen
Lira (TL). Heute sind die Preise auf 3,50
TL erhöht worden. Die Ärmsten machen
sich immer wieder mit einem Tee oder
Ayran (zwei TL) und einem Simit satt.
Nehmen wir eine vierköpfige Familie.
Wenn die Familie, am Morgen, mittags
und abends je ein Simit essen und eines
der Getränke zu sich nehmen würde,
macht das im Monat 1980 TL bei 2800
TL netto Mindestlohn. Allerdings ohne
ein Dach überm Kopf.
Gerade wurden die aktuellen Zahlen
veröffentlicht: In den vergangenen fünf
Monaten, also noch vor der kalten Jahreszeit,
wurden 1 525 000 Kunden der
Strom und 674 000 das Erdgas abgestellt.
Wie wird es erst im Winter sein? Jeder
Satz vom Präsidenten sorgt für eine weitere
Katastrophe. Weil er immer das Falsche
sagt. Noch vor acht Tagen verkündete
der staatliche TV-Sender seinen
Live-Auftritt und schossen die Devisenkurse
in die Höhe.
Die Türkei war zum Glück beim Zweiten
Weltkrieg nicht dabei, dennoch war
alles rationiert. Brot gab es zum Beispiel
gegen Brotmarken und die waren recht
knapp. Hunderttausende stehen derzeit
jeden Tag vor den städtischen Brotverkaufsstellen
Schlange, um umgerechnet
vier Cent pro Brot zu sparen.
Der damalige große Staatsmann Ismet
Inönü schaffte es, ein so kriegerisches
Volk wie die Türken, mit ihrem Verbündetem
aus dem I. Weltkrieg, nämlich
Deutschland, aus dem II. Weltkrieg herauszuhalten.
Auch wenn das mit Entbehrungen
verbunden war, starben wenigstens
keine türkischen Soldaten, oder Zivilisten.
Nach dem Krieg warf man Inönü
vor, er hätte das Volk bei knappen Rationen
verhungern lassen. Daraufhin gab er
die historische Antwort. „Ich habe Euch
ohne Brot stehenlassen, aber dafür Euch
nicht Eurer Väter beraubt.“ Damals gab
es kein Brot und heute gibt es kein Geld
um Brot zu kaufen.
Die aktuelle türkische Opposition verlangt
von der Regierung, dass der Netto-
Mindestlohn, der derzeit bei 2800 TL
liegt, im nächsten Jahr auf 4500 TL steigen
müsste. Klingt gut, oder?
Anfang Juni stand der Euro noch bei
neun TL; aktuell ist er bei 15 TL angekommen.
Das bedeutet umgerechnet, dass der
Türke im Juni noch 311 Euro im Monat
verdiente und – sollte es so kommen, wie
die Opposition verlangt – trotz einer Erhöhung des Mindestlohns
im Jahr 2022weniger
als 300 Euro in der Tasche haben. Erkennt
Ihr die Aussichtslosigkeit?

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