Lingerie? Das war mein Ding. (Eine Anekdote aus meinem Leben)

Foto: https://www.lou-lingerie.fr/

Vielen ist das Wort nicht so geläufig. Lingerie wird als Reizwäsche oder Dessous bezeichnet, die dazu dienen können, den Geschlechtspartner sexuell zu erregen oder auch die eigene Eitelkeit zu befriedigen. Hier eine Anekdote dazu.

Nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss in Istanbul stand meinem Partner, mit dem ich zusammen das Projekt realisiert hatte, und mir eine Provision zu. Der Auftraggeber war in Nöten und fragte, ob wir auch ein Ladenlokal als Zahlung akzeptieren würden. Wir schauten uns den Laden an. Er war zwar nur 30 Quadratmeter groß, aber auf einem der besten Einkaufsstraßen im Stadtteil Nisantasi gelegen. Ich fand es absolut spannend, zumal ich bis dato noch nie mit einem Ladenlokal oder dem Einzelhandel in Berührung gekommen war. Wir überlegten, was wir mit dem Laden anfangen sollten. Verkaufen, vermieten oder als Einzelhändler loslegen?
Mitten in unseren Überlegungen klopfte schon ein erster Interessent an. Ich fragte, was er im Laden machen wollte. Er wollte Jeans verkaufen. Die Marke, um die es gehen sollte, bot er noch in vier weiteren Läden an – alle in diesem Stadtteil. „Was haben Sie sich so als Miete vorgestellt?“, fragte ich. Eigentlich genau die Frage, die er mir hätte stellen sollen. Da ich aber keinerlei Vorstellungen über den Mietspiegel hatte, wollte ich mal vorfühlen. „10.000 USD wären angemessen, denke ich“, sagte er. Ich war sicher, wenn einer schon selbst 10.000 USD vorschlug, dann war er auch zu mehr bereit. Im weiteren Gespräch hörte ich raus, dass er die Monatsmiete meinte. Aus Unkenntnis des Mietspiegels war ich von einer Jahresmiete ausgegangen und war schon begeistert, aber unter diesen Umständen …

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„Sie verkaufen die Marke im Umkreis von 500 Metern in vier Läden und wollen ein fünftes Geschäft aufmachen, richtig?“ Tatsächlich, das hatte er vor. Gedanken über Gedanken gingen mir durch den Kopf. Was kann man im Einzelhandel verdienen, dass er in fünf Läden das gleiche Produkt anbieten wollte und noch dazu mindestens 10.000 USD im Monat an uns Miete zahlen würde? Damals hatte diese Jeansmarke nichts als Hosen in der Kollektion. „Ich muss erst einmal mit meinem Partner sprechen“, sagte ich zwar, war aber felsenfest entschlossen, als Einzelhändler von irgendetwas selbst aktiv zu werden. Nur mit was? Zuerst informierte ich meinen Partner, der auch damit einverstanden war und sich auf meinen Riecher verließ. Ich ging die Straße rauf und runter und dachte nach. Meine erste Idee war dann ein Pizza-Taxi, die es Anfang der 90er Jahre in der Türkei noch nicht gab.
Eigentlich hatte eine große Pizza-Marke aus den USA 1989 schon versucht, mit Pizza in der Türkei Fuß zu fassen, nur kannte niemand Pizza, sodass sie sich aus dem Markt zurückzog. 1991 bot eine Vertriebsgesellschaft die „Turtles“, eine TV-Serie in Anlehnung an die Comics Teenage Mutant Ninja Turtles, einem türkischen TV-Sender an. Die Lizenzgebühr lag bei 10 Prozent des Üblichen, was man für solche Serien bezahlte. Der Sender griff zu und der Plan der Amerikaner ging auf. Da sich in der Serie so ziemlich alles um Pizza drehte, war die Nachfrage danach gewachsen. Alle Kinder verlangten Pizza. Die Marke startete ein zweites Mal und das mit Riesenerfolg. Sie waren zum Zeitpunkt unserer Idee erst mit wenigen Läden vertreten, also könnte das Timing genau richtig sein.

Als ich diese Überlegungen anstellte, kam ich an einem Miederwarengeschäft vorbei. Und was sah ich dort? BH-Modelle, die wie die Sojus-Raketen der Russen aussahen. Die Sojus-Raketen waren die Weiterentwicklungen der ersten Interkontinentalraketen aus russischer Produktion. Und die Slips – eigentlich waren es richtige Unterhosen. Warum sollte ich den türkischen Frauen und mir nicht etwas Gutes tun und schicke Lingerie importieren, fragte ich mich. Mein Partner war auch begeistert von der Idee. Wir legten unseren finanziellen Rahmen fest. Als erste Amtshandlung mussten wir einen Innenarchitekten finden, der uns den Laden herrichtete. Hier machte ich einen ersten Fehler. Vor lauter Nullen, die die türkische Währung damals hatte, unterschrieb ich einfach den Auftrag für die Inneneinrichtung. Ich hatte den türkischen Lira-Betrag falsch in DM umgerechnet. Wir gingen von 12.000 aus, aber am Ende kostete das Ganze 36.000 DM. Dass mein Partner, der sich im Geschäftsleben der Türkei bewegte und täglich mit Devisen zu tun hatte, auch nichts bemerkte, ist eine Verdopplung der Blindheit bzw. Blödheit gewesen.

Ich kehrte von Istanbul nach Köln zurück. Die Messe der IGEDO in Düsseldorf stand bevor. Ich machte mich auf die Reise. Ich war mit Anzug und Krawatte business-like gekleidet. Auf der Messe angekommen sahen meine Augen nur noch Halbnackte, die dort als Models unterwegs waren. Mein Puls war wohl am Anschlag. Ich lockerte meine Krawatte und ließ sie am Ende ganz weg. Ich war im Paradies angekommen. Die 72 Jungfrauen, wovon heute wohl die islamischen Selbstmordattentäter träumen – da mussten sie sein. Sogar viele mehr. Nun gut, vielleicht war keine einzige Jungfrau dabei, aber wenn die Selbstmordattentäter mal tot sein sollten, schauen sie vielleicht auch nicht auf dieses kleine Detail. Nach einer ersten Runde in den Hallen entschied ich mich für eine der Marken. Ich fing an einzukaufen. „Schauen Sie, fühlen Sie mal die Qualität“, sagte der Verkäufer. Ich war knallrot geworden, bestimmt würde ein Autofahrer vor mir stehenbleiben, weil die Ampel auf Rot gesprungen war. Meine Handinnenfläche spürte den zarten Stoff und mein Handrücken die noch zartere Haut des Models. Ich kaufte zwar, aber wonach hatte ich entschieden? Was gab den Ausschlag? Die Handinnen- oder -außenfläche? Auf beiden Seiten spürte ich Samt, hatte ich den Eindruck. Ich bekam also die Alleinvertretungsrechte der französischen Top-Marke. Deren Namen sollte auch unser Laden tragen. Ich schickte meinem Partner ein Logo der Marke, damit er das Schild machen lassen konnte. Das nächste Problem stand an: Unser Geld war verbraucht. Wir hatten nichts mehr übrig für die hohen Zölle. Schnell hatte ich eine Lösung parat. Ich ließ die bestellte Unterwäsche an meine Kölner Adresse liefern. Hier packte ich die Klamotten aus den Verpackungen aus, nummerierte Kartons sowie die Produkte und schickte die Verpackungen zusammengefaltet per Spedition in die Türkei. Die Lingerie wollte ich im Koffer mitnehmen. Die Sachen wogen ja nichts. Die Einfuhr klappte problemlos. BHs, Slips und die Verpackungen fanden zueinander und standen in den Regalen. Am 17. Dezember 1990 haben wir dann den Laden eröffnet. Doch dann kam die Überraschung! Nach acht Tagen hatten wir keine Ware mehr. Über 4.000 Teile waren verkauft und das, obwohl es in der Türkei ja kein Weihnachtsgeschäft gibt. Die roten Dessous gingen weg wie warme Semmeln, denn Silvester stand vor der Tür. Davon erfuhr ich auch erst später, aber sogar die Damen in der Türkei trugen zu Silvester rot. So kannte ich die Türkei damals nicht, denn ich war noch neu im deutsch-türkischen Business. Obwohl es damals üblich war, feilschten die Damen nicht. Es wurde gekauft wie anprobiert. Es ist in der Türkei einfacher, teure Produkte zu verkaufen als billige. Bei Qualität und Marke ist man bereit, tief in die Tasche zu greifen.

Wir hängten ein Schild ins Fenster: „Wegen Ausverkauf der Ware für kurze Zeit geschlossen.“ Von wegen kurze Zeit! Der Verkäufer hatte mir beim Einkauf auf der Messe gesagt, dass ich in sechs- bis achtmonatigen Zyklen planen und bestellen sollte. Nun gab es nur eine Lösung: Ich kaufte direkt vom deutschen Einzelhandel. Schließlich konnten wir den Laden nicht Monate lang leer stehen lassen. Die Abläufe wurden zur Routine, das Geschäft lief gut. Ich lebte weiter in Deutschland und kam alle zwei bis drei Wochen vorbei. Mein Partner hatte mich unter den Damen der High Society und unter denen, die sich gerne dazu zählten als „den Kenner und Insider“ des Lingerie-Marktes in Europa aufgebaut. Wenn ich geschäftlich in der Türkei war und in unseren Laden ging, fragten mich die Damen mithilfe des Kataloges, was denn so „in“ ist in Europa. Ich schaute mir die Frau an, stellte sie mir dann mit gewissen Modellen aus der Kollektion vor und zeigte mit dem Finger auf das, was in meiner Welt so „in“ war. Wir bekamen auf diese Art Vorbestellungen und hatten eine Vorstellung davon, was wir bestellen konnten bzw. sollten.
Wir erlebten schon Lustiges wie auch Böses mit unserem Lingerie-Projekt. Ab und an kamen Prostituierte, die sich bei uns eindeckten. Das taten sie aber nur bei dringendem Bedarf. Unsere Verkäuferin hatte oft den Fall, dass diese Damen ihre Slips hinter der Theke auszogen und den neuen überstreiften. Auch kamen manchmal Damen mit größerem Busen. Denen war es vielleicht zu peinlich zuzugeben, dass sie für sich kaufen wollten, wenn sie sagten: „Ich suche ein Geschenk für meine Freundin. Es sollte ein BH sein.“ – „Wie sind denn die Maße?“ – „Hmm, das weiß ich eben nicht so genau, aber ungefähr so wie bei mir. Ich probiere die Sachen mal an. Wenn es mir passt, passt es ihr sicher auch.“ Wir hatten viele Niqab-Trägerinnen als Kundschaft. Eine von ihnen setzte sich auf einen Stuhl, meistens war sie die Ehefrau Nr. 1, und kaufte von einem Modell alle Größen und Farben durch. Bei vier Frauen und vielen Töchtern konnte sie nichts falsch machen.

Da kam mir die Idee, eine Verkäuferin in die Hotels zu den arabischen Kundinnen zu schicken, die dann im Hotelzimmer alles anprobieren und kaufen konnten. Dazu mietete ich ein kleines Schaufenster in einem Nobel-Hotel am Taksim-Platz. Dort war unsere Telefonnummer aufgeführt. Wer wollte, konnte die Verkäuferin per Telefon dorthin bestellen. Das erste Tor fiel direkt in der ersten Minute. Natürlich dachte ich positiv und nicht daran, dass ja auch Männer unsere Verkäuferin bestellen könnten, wie es dann auch sofort am ersten Tag passierte. Da ich zufällig in Istanbul war, konnte ich mit meinem Partner bei der Polizei erscheinen. Wir kamen noch mit einem blauen Auge davon und galten glücklicherweise nicht als Zuhälter. Einen zweiten Tag hat diese Verkaufsstrategie aber nicht mehr erlebt.

Als eine Woche nach diesem Vorfall in der Zeitung eine Meldung erschien, dass wohlhabende Araber in dem betreffenden Hotel auf ihrem Zimmer Feuer machten, um zu grillen und die Alarmanlage sofort losging, sah ich die Hoffnungslosigkeit meines Unterfangens noch mal bestätigt. Kulturelle Unterschiede sollte man in jedem Fall berücksichtigen.
Warum ich das Lingerie-Geschäft heute nicht mehr mache? In der Türkei hat man schnell Nachahmer. Es stießen große Unternehmensgruppen mit Top-Marken vor und produzierten sogar in der Türkei. Im ersten Jahr fragten wir uns, ob wir uns nicht vergrößern sollten und fingen an, als Importeur und Großhändler zu fungieren. Nach etwa 18 Monaten hatten wir 660 Verkaufspunkte. Damit begannen auch schon die Probleme. Das Zahlungsgebaren in der Türkei ist fast in jeder Branche schlecht.
Das war damals so und ist heute genauso, vielleicht durch die Wirtschaftskrise eher noch schlimmer. Die Geschäfte funktionieren nur auf Lieferantendarlehen. Je längere Zahlungsziele man dem Käufer einräumt, umso mehr verkauft man. Das ist die sogenannte „Nach mir die Sintflut“-Mentalität. Bekommt der Käufer beispielsweise sechs Monate Zeit, so sagt er sich: „Wer weiß schon, was in sechs Monaten ist. Irgendwie wird es schon gutgehen. Verlangst du Vorkasse oder stellst Zahlung bei Übergabe in Aussicht, bleibst du auf der Ware sitzen. Das ist in der Türkei bei allen Produkten und Branchen so.
Auf dem Papier verdienten wir sehr gut, nur in der Kasse hatten wir nie das, was wir hätten haben müssen. Als dann mein Partner sagte, dass er drei Personen zusätzlich zu den bestehenden zehn eingestellt hatte und mir diese vorstellte, musste ich zwangsläufig fragen: „Für welche Abteilungen?“ Das waren drei Kerle, in deren Schatten wir uns locker mit der ganzen Familie hätten legen können. Richtige Brocken. Wie ich es mir gedacht hatte: Es waren Geldeintreiber! Sie reisten durch die Türkei und holten die Außenstände von uns rein. Angeblich wären sie ganz fair und würden nur Angst machen, berichtete mir mein Geschäftspartner. Ich konnte ihm schlecht Glauben schenken und sagte zu ihm, dass ich das nicht mitmachen könnte. Über kurz oder lang würden wir mit der Polizei zu tun bekommen, sobald einer Anzeige erstattete. Er sagte: „Das machen alle so. Wenn wir nicht bezahlen, schicken die anderen auch solche fiesen Typen vorbei.“ Mein Weltbild veränderte sich. Wo war ich reingeraten? Ich entschloss mich, aus der Sache auszusteigen und bat meinen Partner, mir ein Angebot für meine Anteile zu unterbreiten. Am Ende kaufte er sie. Er machte noch etwa fünf Jahre weiter, bis er an den hohen Außenständen, die er nicht mehr eintreiben konnte, pleite ging.

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