KZ-Katzbach – Das große Staunen der meisten Frankfurter Bürger

Am 19. März, Samstag, standen wir zu Tausenden am Main-Ufer in Frankfurt. Wir, im Kern 1616 Menschen, jeder für einen toten KZ Häftling des KZ Katzbach in den Adlerwerken. Die Aktion fand Zuspruch und hatte sich über die Teilnehmer, die fest zusagten und einem Plakat mit dem Namen eines toten Häftlings trugen, rumgesprochen. Es waren am Ende mehrere Tausende, die zwischen der Friedens- und Flößerbrücke den Main entlang standen. Da die Schilder von den Teilnehmern selbstgemacht wurden, unterschieden sie sich voneinander und das war gut so, denn die Toten von Katzbach hatten zwar ein gemeinsames Schicksal, waren aber Individuen, die sich voneinander unterschieden. Wir wollten und wollen weiterhin, dass ihre Namen weiterleben. Viele von uns haben, nachdem sie den Namen des Häftlings zugeteilt bekamen, recherchiert, wer er war, was er tat und ob noch Familie da war. Ich stand für Josef Divoký, der gerade mal 20 Jahre alt war, als er starb. Josef werde ich in meinem Gedanken immer an meiner Seite haben.

Wieder konnten die Redner viel Interessantes erzählen. Die Reden wurden über Lautsprecher, die in gewissen Abständen standen, ohne störend zu wirken, ausgestrahlt. Das Main-Ufer war mit Menschen überfüllt, die den blauen Himmel und die Sonne genießen wollten. Gut so, denn es ließ niemanden, der an uns vorbeizog, kalt. Warum wir da standen? Es wurden Fragen gestellt, all die Schilder einzeln gelesen. „Waaas, in Frankfurt soll es ein KZ gegeben haben?“ war die häufig gestellte Frage. Das war auch gut so, denn je mehr Personen davon erfahren, umso besser ist es. Die Aktion nahm die Menschen mit und war so gesehen, ein toller Erfolg.

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Kurz zur Erinnerung

Lange war das KZ Katzbach ein blinder Schandfleck in der Frankfurter Stadtgeschichte. Im August 1944 war es auf dem Gelände der Adlerwerke im Gallus in Betrieb genommen worden. Von der SS wurde das KZ in den rüstungsrelevanten Adlerwerken mit insgesamt 1616 Zwangsarbeitern versorgt – die meisten von ihnen, waren die beim Warschauer Aufstand festgenommene Polen.

Nur die wenigsten von ihnen überlebten. Im März 1945 wurde das KZ „evakuiert“. Mehr als 500 Gefangene, die zu schwach zum Marschieren waren, wurden in plombierte Güterwaggons gepfercht und nach Bergen-Belsen verfrachtet. Viele überlebten die Fahrt nicht.

Wenige Tage später wurden 350 weitere Häftlinge auf den „Todesmarsch“ geschickt. Sie mussten über Hanau, Schlüchtern und Fulda nach Hünfeld marschieren. Die 280, die den Marsch überlebten, wurden wieder in Waggons von Buchenwald nach Dachau verfrachtet – das etwa 40 von ihnen lebend erreichten. Die Befreiung Frankfurts am 28. März 1945 kam für die KZ-Häftlinge in den Adlerwerken jedenfalls zu spät. Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof liegen mehr als 500 in Frankfurt ermordete KZ-Häftlinge – lange Zeit unter der Scharade „polnische Soldaten“.

Ein Straßenmusiker fiel mir noch auf.

Am Anfang wusste er noch nicht, warum sich die Menschen am Main Ufer entlang aufstellten und spielte in Ukraine-Farben den Song, „My heart will go on“, die Titelmelodie aus ‚Titanic‘. Eigentlich passend dazu, wofür wir da waren. Es machte betroffen.

Lothar Reininger, der ehemalige Betriebsratvorsitzender der Adlerwerke und Vorstand der Initiative „Leben und Arbeiten in Gallus und Griesheim“ (LAGG) erzählte Geschichten über das KZ, dass einem ganz anders wurde.

Eigentlich muss man Angst haben, unter was für Menschen wir leben.

Die Stadt Frankfurt wollte lange Zeit nicht dazu stehen, dass in ihrer Stadt ein KZ existierte. Wütend machte eine Tatsache viele, die das zum ersten Mal erfuhren, dass auf dem Gedenkstein, lange Zeit nicht draufstehen durfte, dass die Dresdner Bank mit Schuld trägt an dem Tod der KZ-Häftlinge. Ausgerechnet der grüne Umweltdezernent Tom Koenigs verhinderte, dass auf dem Gedenkstein die Verantwortlichkeit der Dresdner Bank erwähnt wurde.

Gefühlt möchte ich behaupten, wäre die Dresdner Bank nicht in die Commerzbank eingegliedert worden, so fänden sich immer noch Leute, die das zu verhindern gewusst hätten.

Die Täter kamen so davon

Je mehr Reden gehalten wurden, umso wütender wurde man. Zu erfahren, dass die Täter und die Mitverantwortlichen allesamt von der Politik und der Gesellschaft gedeckt wurden und keiner von Ihnen verurteilt wurde, machte nicht nur wütend, sondern Angst. Wir leben und lebten mit diesen Menschen, die zu den Mördern standen, zusammen und atmeten und atmen die gleiche Luft. Ich stelle sie auf eine Stufe mit den Holocaust-Leugnern.

„So etwas beginnt immer banal…“

Um es mit den Worten des 2020 verstorbenen Andrzej Korczak-Branecki, er gehörte mit seinen 14 Jahren zu den jüngsten Gefangenen in den Adlerwerken, auszudrücken, der wiederholt in Frankfurt war und sich für eine Gedenkstätte eingesetzt hat: „Eine solche Erinnerungsstätte brauchen nicht wir persönlich, sondern künftige Generationen, damit sich ein solches totalitäres System, wie es das im letzten Krieg gab , in dem Menschen voreinander Angst hatten oder sich töteten, nicht wiederholen kann. … ich bin mir nicht so sicher, ob etwas Ähnliches nicht wiedermal irgendwo passieren könnte. So etwas beginnt immer banal. Auch in einem vereinigten Europa muss man darauf Acht geben. …“

Auf dem Gedenkstein am Hauptfriedhof in Frankfurt steht nun, mit der ergänzten Zeile:

Mit der ergänzten Zeile heißt der Text jetzt:

Zum Gedenken

Hier ruhen 528 Menschen.

Sie starben zwischen August 1944 und März 1945 in den ADLER-WERKEN in Frankfurt am Main. Sie wurden durch Arbeit, Zwangsarbeit, vernichtet.

Sie verhungerten, starben an Entkräftung, an unbehandelten Krankheiten, wurden zu Tode geprügelt.

Sie starben mitten in Frankfurt,

unter Verantwortung von SS, Geschäftsleitung, Dresdner Bank und Stadt.

Die ADLER-WERKE waren eine Außenstelle des Konzentrationslagers Natzweiler.

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Bert Brecht.

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