Meine Kolumne aus dem Tagesspiegel: Von wegen Paradies

Wer unten auf der Erde seiner Jungfrau nicht begegnet, wird es auch oben nicht schaffen. (Albert Zweisteine)

Zu meinen Kolumnen gibt es immer wieder mal Kommentare von Türkeistämmigen aus Deutschland, die sich die Mühe machen, auf meinen Blog zu gehen und mir über die Kommentarseite Nettigkeiten (Ironie) an den Kopf werfen. Die meisten sind – schaut man auf ihr Alter – in Deutschland geboren. Wie
viel Türke ist man, wenn man in Deutschland geboren wurde? Anscheinend ganz viel. Dazu emotional und mit erhitztem Gemüt – weil man unbedingt die eigene Ansicht durchsetzen will. Ich mag nicht mehr hören oder lesen: „In Deutschland ist das aber auch nicht anders, vielleicht sogar noch schlimmer.“ Kann sein. Aber ich hatte über die Türkei geschrieben.
Ich ahne schon, dass 2023 nicht besonders erfreulich für Deutschland sein wird.
Nicht nur, was durch den Ukraine-Russland-Krieg noch auf uns zukommen wird. Da gibt es noch etwas: In der Türkei stehen Wahlen an. Da die türkische Wirtschaft am Boden ist und die Inflation real
über 200 Prozent steht, muss außenpolitisch etwas passieren, damit die türkischen Propagandamedien darüber berichten, Erdogan im Land punkten und den starken Mann markieren kann.
Die Türkei hat 81 Großwahlkreise. Die türkischen Wähler in Deutschland machen zahlenmäßig so viel aus wie ein kleiner Wahlkreis in der Türkei. Fragst Du aber die Deutschtürken, glauben sie, sie
würden über Sieg und Niederlage entscheiden.
In der Türkei werden sie belächelt. Dort kämpfen die Menschen ums Überleben und können sich nicht mit dem Blödsinn befassen, den die hiesigen Jungs und Mädels pro Erdogan produzieren. Vergangene Woche, als ich geschäftlich in die Schweiz musste und beim Kofferpacken
meinen Kulturbeutel in der Hand hielt, überlegte ich, wie Kulturbeutel auf
Türkisch heißt. Mir fiel nur das Wort ein, wie es von der Stadtbevölkerung früher bezeichnet
wurde. Wir nannten es „Necessaire“. Im Neutürkischen heißt es „Kosmetiktasche“. Das gibt sinnbildlich wieder, wie sich die türkische Gesellschaft entwickelt hat (besonders in der Ära Erdogan): vom Kulturbeutel zur Kosmetiktasche.
Die Denunzianten in Deutschland sind fleißig. Wisst Ihr, dass die türkischen Sicherheitsbehörden
Tagesspiegel lesen? Nicht ständig, sondern immer dann, wenn mich ein türkischstämmiger Leser –
anonym natürlich – wegen einer Kolumne denunziert. Vermutlich gehen die Denunzianten
davon aus, dass sie anstelle der 72 Jungfrauen, die Selbstmordattentäter sich im Paradies erhoffen, wenigsten zwei abbekommen. Ob sie überhaupt ins Paradies kommen, ist allerdings fraglich.

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