Auf dem Weg zu neuen Weltraumorten und der Nutzung dortiger kommerzieller Möglichkeiten – Ein Essay von Lars Jaeger

Wird oben so nicht funktionieren in der Schwerelosigkeit. Bild von Thomas Malyska auf Pixabay

Was geht ab im Weltraum? – Mein Opa war Professor für angewandte Physik. Das mag der Grund gewesen sein, dass er praktisch dachte. Aber erst einmal zur ersten Mondlandung. 1966 waren wir wieder einmal, mit drei Fernsehern im Gepäck in die Türkei zurückgekehrt, um dort zu leben, zu einer Zeit, wo es in der Türkei keine Fernsehsender gab. Mein Vater störte es, dass wir im Wohnzimmer an jeder Ecke einen Fernseher stehen hatten und jedem der zu Besuch kam, erklären mussten, was das für Wundergeräte sind. Die Probesendungen in der Türkei wurden ab 1968 ausgestrahlt. Witzig, wenn man bedenkt, dass die Menschheit ein Jahr später zum Mond fliegen sollte. Die Tatsache, dass in Juli 1969 die Mondlandung bevorstand, veranlasste bei meinem Vater rege Betriebsamkeit. Er ließ sich aus Deutschland riesige Dachantennen des Typs „Hast Du nicht gesehen“ schicken und ließ auf dem Dach des sechsstöckigen Gebäudes, einen 10 Meter Mast aufstellen, mit samt der vielen Dachantennen, die in alle Richtungen ausgerichtet waren. Damit nicht genug, gab es als Absicherung, für den Fall aller Fälle, noch einen Rotor, die man von der Wohnung aus steuern konnte. Unsere Großeltern kamen extra aus Ankara, um bei uns die Mondlandung zu verfolgen. Wir blieben die ganze Nacht wach, zumal wir erst einmal sicherstellen mussten, welchen Sender wir empfangen würden. Die Nachbarländer wie, Griechenland, Bulgarien und etwas weiter Rumänien, klappten sofort, aber wir wollten Deutsch hören. So erwischten wir einen Schweizer Sender. Unscharfes Bild, aber was solls. Wahrscheinlich waren wir die einzigen in der Türkei, die die Mondlandung LIVE im TV sehen durften. Mein Großvater bläute mir ein, dass das alles Prestigeprojekte wären und am Ende man zwar viel mehr über das Universum wissen würde, um damit lange, sehr lange Zeit, nichts anfangen zu können, evtl. überhaupt nicht. 1980, in dem Jahr verstarb er, gingen wir zusammen in den ersten Kinofilm von „Raumschiff  Enterprise“. Nachher sagte er mir: „Was Du da gesehen hast mit den Raumschiffen, dass so viele auf einmal unterwegs sind, angegriffen werden und sich abwehren müssen etc. wird niemals passieren.“ Danach habe ich mir nie wieder ein Science-Fiction Film mehr angeschaut. Ein nicht unbedeutender Gewinn von Zeit, bis dann das Internet kam und mir meine Zeit stiel. Ich begegnete dem Essay von Lars Jaeger, einem der Ahnung hat und sagen kann, was in Zusammenhang mit der Raumfahrt und dem Universum gehen wird und nicht gehen wird. So einen hatte ich gebraucht, der mir völlig nüchtern die Realitäten erklärt, die man ja als Laie unmöglich verstehen kann. Am Ende musste ich ihn noch mehr mögen, zumal er wie die Stimme meines Großvaters aus dem All klingt, mit dem was er zu sagen hat. Hier geht es los:

Auf dem Weg zu neuen Weltraumorten und der Nutzung dortiger kommerzieller
Möglichkeiten – Eine realistische Zukunftsvision oder eine Vision, die kaum je Realität
werden kann?
Von Lars Jaeger
In den letzten Monaten sorgten kommerzielle Anbieter für Flüge ins All für große Furore: Nach
Jahrzehnten der Enttäuschung wegen des fehlenden Fortschritts haben es in den letzten
Jahren diverse Gruppen aus dem Privatsektor geschafft, die Raumfahrt wieder in den
Vordergrund zu bringen. Tatsächlich glauben heute viele Finanzanalysten, dass die
kommerziellen Entwicklungen in der Raumfahrtindustrie kurz davorstehen, den größten
Ressourcenabbau in der Geschichte zu starten, und zwar durch Bergbau auf dem Mond, dem
Mars und Asteroiden. Ist das wirklich etwas, was uns schon in den nächsten Jahren bevorsteht
(viel weiter geht der Horizont der Anleger selten)?
Tatsächlich haben verschiedenen Privatunternehmen wie beispielsweise die Privatfirma
SpaceX des Tesla-Gründers Elon Musk endlich mal wieder (das erste Mal seit dem Ende der
Space Shuttles) amerikanische Astronauten vom amerikanischen Boden – dem Kennedy
Space Center – aus ins All gebracht, wenn auch nur für ein paar Minuten. Das Revolutionäre
daran war: Die Astronauten waren zum Teil einfache Menschen, also nicht top-ausgebildete
Astronauten. Etwas diskreter wird ein anderes großes private Raumfahrtunternehmen mit dem
Namen Blue Origin vom Amazon-Gründer Jeff Bezos mit einer Milliarde Dollar pro Jahr
gefördert (dieser kann sich dies ohne weiteres leisten, gilt er doch als reichster Mensch der
Welt). Auch diese Firma flog einfache Menschen kurz ins Weltall, darunter Jeff Bezos selbst.
Und auch ein drittes Unternehmen, gegründet von einem weiteren Milliardär, Richard Branson,
vermochte Touristen – darunter ebenfalls Richard Branson selbst – auf kurze suborbitale Flüge
zu schicken: Virgin Galactic. Dieses ist im Übrigen das erste Raumfahrt-Unternehmen, das an
der Börse gelistet ist und zwischen Februar und Juni 2021 mit Bewertungen um von ca. 13
Milliarden US Dollar All-Time Highs erreichte, bevor es dann innerhalb von weniger als einem
Jahr auf nahezu einen Zehntel dieses Wertes absackte – und damit ein All Time Low der
letzten Jahre erreichte. So manche Anleger fragen sich: Ist damit die Aufregung um die neuen
privaten Weltraumfahrzeuge vielleicht schon wieder vorbei?
Die von Musk, Bezos und Branson erzeugte Aufregung um diese Flüge ist nur der spektakuläre
und öffentlich vermarktete Teil der Nutzung ihrer Raketen. Tatsächlich fliegen alle paar
Wochen private Raketen ins erdnahe All, um die Raumstation zu versorgen oder neue
Satellitensysteme auszusetzen, da die Regierungen kaum mehr Raketen fliegen. Es gibt zur
Zeit etwa 5’700 aktive Satelliten, die die Erde umkreisen, mehr als 10’000 haben bereits
ausgedient und sind nun (nicht ganz ungefährlicher) Weltraumschrott, der um die Erde
herumschwebt (ab und zu stürzt einer mal auf die Erde zurück). Da dies alles andere als
spektakulär ist, wird darüber kaum öffentlich gesprochen. Doch genau damit verdienen die
privaten Raketenbetriebe ihr Geld.
Dabei sind die von den drei Milliarden Firmen nur drei unter vielen Anbietern. Unternehmen
wie die United Launch Alliance von Lockheed Martin und Boeing oder die europäische Ariane
Space bieten ebenfalls ihre Dienste auf diesem Markt an. Zudem drängen neue Anbieter, die
weltweit entstehen, immer neue Abschussbasen. Ein großer Teil der Satelliten, die von den
Raketen ausgesetzt werden, sammelt im erdnahen Raum, wenige hundert bis eintausend
Kilometer von ihr entfernt, Daten wie zum Beispiel für die Online-Karten, mit denen sich unsere
Bewegungen auf dem Handy auf den Meter genau verfolgen lassen, Wetterbeobachtungen
und -vorhersagen, für das Sammeln von Umweltdaten bis hin zur Spionage. Damit lässt sich
insgesamt ein Umsatz von 400 Milliarden Dollar pro Jahr erzielen, der sich in den nächsten
Jahren voraussichtlich noch einmal dramatisch nach oben entwickeln wird. So werden, wie es
aussieht, mehrere tausend Mini-Satelliten so groß wie ein Kaffeemaschine mit immer
spezielleren Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Überwachung von Bauernfeldern bzgl. Dünger
und Wasser, in die Erdumdrehung gesandt. Nur hat all dies recht wenig mit weiter entfernten
Weltraumfahrten zu tun, die von Unternehmern wie Elon Musk so aufregend beschrieben
werden.
Was ein weiteres Geschäft zu sein verspricht ist der Tourismus im erdnahen Bereich. Allein
die Aussicht auf die Erde von außerhalb ist spektakulär. Aber kann man hier wirklich so viel
erwarten? Der Preis für einen derartigen Trip wird voraussichtlich für viele Jahre und gar
Jahrzehnte noch sehr hoch bleiben, da der Aufwand des Fluges, die Ernährung und die
notwendigen Vorbereitungen der Touristen, sich im gravitationslosen Umfeld zu bewegen, auf
absehbare Zeit extrem hoch bleiben werden. Noch immer kostet jedes Kilogramm, das die
Erdanziehung überwinden muss, mehrere zehntausend Euro! Zudem sind Raketenstarts in
den Weltraum bis heute keine Routineoperation, nicht zu vergleichen mit einem Flugzeugstart.
Bei jedem Start bestehen immer noch signifikante Risiken.
Doch werden unterdessen die notwendigen finanziellen Mittel für die Raumfahrt immer mehr
von privaten Händen in die privaten Weltraum-Unternehmen investiert. Standen im Jahr 2009
die finanziellen Mittel bei knapp einer Milliarde Dollar, so waren es zehn Jahre später bereits
sechs Milliarden Dollar. Vor 40-60 Jahren waren die Staaten, insbesondere deren jeweiligen
militärischen Komplexe, noch die einzigen Investoren in die Weltraumfahrt. Heute sprechen
private Weltraumfans bereits von Projekten auf den Mond, um dort dauerhaft präsent zu sein
und von dort aus weitere Flüge, zunächst zum erdnächstem Planeten Mars, dann aber auch
vielleicht weiter, vorzubereiten (zum Mars braucht man schon viele Monate, selbst wenn er
uns am nächsten ist, und noch mal so viele zurück; schaffen das Menschen überhaupt?).
Das Interessante am Mond, der schon vor über 50 Jahren von Menschen betreten wurde, sind
Bodenschätze wie seltene Erden und Helium-3. Letztere ist ein Isotop des regulären Heliums,
das als eine Grundlage für die mögliche Energiequelle der Zukunft – Kernfusion – interessant
sein könnte. So haben bereits drei private Unternehmen von der NASA den Auftrag erhalten,
ein Mondlandefahrzeug für Menschen zu entwickeln: SpaceX, Blue Origin und Dynetics (Teil
der Firma Leidos, früher bekannt als Science Applications International Corporation). Ein
weiteres naheliegendes Abbauziel seltener Stoffe sind Asteroiden, die durch das
Sonnensystem rasen und unterschiedliche Mengen an seltenen Erdmetallen und anderen
Materialien mit sich führen. Die meisten davon liegen allerdings zwischen Mars und Jupiter,
also noch ein ganzes Stück weiter als Mars und daher für eine längere Zeit sicher unerreichbar
für uns. Des Weiteren haben die meisten planetarischen Bergbauziele im Weltraum nur eine
geringe oder gar keine Atmosphäre und sind daher extremen Temperaturschwankungen
zwischen Schatten und Sonnenlicht ausgesetzt. Dies macht das Schaffen darauf gefährlich,
sowohl durch die uneingeschränkte Sonnenstrahlung als auch durch kosmischen Strahlen, die
die Elektronik bedroht – ganz zu schweigen von der menschlichen Gesundheit.

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Was Asteroideangeht, fliegen diese sehr schnell, so dass sie jeweils nur für kurze Perioden verfügbar sind. Betrachtet man einmal die technologische Entwicklung in den letzten Jahren etwas genauer,
so erkennt man, dass die Raumfahrtdesigner bei der Raketentechnik im Vergleich zur
Technologie der 1960er und 1970er Jahren nur recht wenig vorankommen sind. Der große
Durchbruch, um die aktuellen Kosten für einen kommerziellen Start massiv zu senken, ist
kaum in Sicht. Sind wir in der heutigen Wirtschaft gewohnt, dass alles billiger wird, wenn es
zum vielverwendeten Standardprodukt wird, so dominiert die Kosten der Raumfahrt eine
Größe, die sich auch in der Zukunft nicht verändern wird: die Schwerkraft der Erde. Diese
kennt keine Rabatte, die mit der Zeit einsetzen. Der 1000. Flug ins All braucht genauso viel
Energie wie der erste. So benötigt es eine revolutionär neuer Technologie, um ausreichend
preiswert in und durch das All zu kommen, so dass die Expansion der Raumfahrtechnologie
attraktiv wird. Doch eine solche hat es in der Raumfahrt in ihren bisherigen 60 Jahren noch
nie gegeben. Daher hat sich die Raumfahrt-Technologie hin zu niedrigeren Kosten bis heute
nur äußerst langsam entwickelt.
Könnte am Ende der „New Space“-Projekte von Milliardären wie Elon Musk, Jeff Bezos oder
Richard Branson zuletzt weit mehr mit der Umgebung der Erde zu tun haben als uns der Name
verheißt? Noch 2016 sagte Elon Musk mit Optimismus für das Leben auf einem anderen
Planenten und Pessimismus für das Leben auf der Erde:
„Es gibt zwei grundlegende Wege. Der eine Weg ist: Wir bleiben für immer auf der Erde, und
dann wird es irgendwann ein Aussterbeereignis geben. (…) Die Alternative ist, eine
raumfahrende Zivilisation und eine multiplanetare Spezies zu werden. Ich hoffe, Sie stimmen
mir zu – das ist der richtige Weg.“
Dies erinnert irgendwie stark an Illusionen, die es bereits im 19. Jahrhunderts gab. So
beschrieb Jules Verne in seinem Roman von 1865 „Von der Erde zum Mond“ ein Raumschiff,
in dem zwei Amerikaner, ein Franzosen (alles nur Männer), zwei Hunde und diverse Hühner
ins All gelangen. Und schon im frühen 17. Jahrhundert sprach Johannes Kepler von einer
Mondreise, um für die wissenschaftliche Wahrheit der kopernikanischen Welt zu werben: Der
Vater der Astrophysik beschrieb 1608 in seiner Erzählung „Somnium“, wie sich die Erde vom
Mond aus zeigen müsste. Doch schon Kepler war bereits klar, dass es zur Überwindung der
irdischen Gravitation einer gewaltigen Kraft bedarf.
Heute haben menschengemachte Raumsonden (ohne Passagiere) jeden Planeten unseres
Sonnensystems umflogen, um unser Wissen über das Universum zu vermehren. Zugleich sind
ihre erdnahen Geschwister in unserem Alltag längst unverzichtbar geworden. Ein Leben ohne
den Segen der Satellitentechnologie können wir uns nicht mehr vorstellen. Doch ist damit
automatisch das Erreichen ferner Planenten einfacher geworden? Es gibt einen Grund, warum
ein gängiger Witz in der Weltraum-Branche ist, dass man in der Raumfahrt am besten als
Milliardär beginnt, um Millionär zu werden. Doch bei all den Herausforderungen muss man
sich heute fragen: Kommt der Weltraumbergbau – zusammen mit der damit verbundenen
Erforschung und Industrialisierung – bei allen Herausforderungen nicht doch schon vielleicht
bald? Dafür bräuchten wir einen massiven technologischen Sprung. Dass sich ein solcher
ergeben kann, zeigt uns in so vielen Bereichen die Vergangenheit.

Lars Jaeger hat Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert und mehrere Jahre
in der Quantenphysik sowie Chaostheorie geforscht. Er lebt in der Nähe von Zürich, wo er zwei
eigene Unternehmen aufgebaut hat, die institutionelle Finanzanleger beraten, und zugleich
regelmäßige Blogs zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen unterhält. Überdies
unterrichtet er unter anderem an der European Business School im Rheingau. Die
Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. Sein
Denken und Schreiben kreist immer wieder um die Einflüsse der Naturwissenschaften auf
unser Denken und Leben. Im Herbst 2021 erschien sein neuestes Buch «Wege aus der
Klimakatastrophe» im Springer Verlag.

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