15. Juli – Der Tag des Putschähnlichenirgendwas in der Türkei

Eine Woche war er nicht in der Öffentlichkeit und tauchte dann nach dem Putschähnlichenirgendwas in einem Handy auf.

Der 15. Juli ist in der Türkei zum Gedenktag ausgerufen worden und soll an die Geschehnisse am 15. Juli 2016 erinnern. „Das Putschähnlicheirgendwas“ nenne ich deshalb so, weil es nicht Halbes und nichts Ganzes war, aber am Ende sollte es Erdogan großen Nutzen bringen, ihm noch mehr Macht verschaffen und ihn zum Alleinherrscher hieven.

Ich erzähle es aus meinem Blickwinkel und nach meinen Beobachtungen, wie sich die Sache entwickelte. Damals lebte ich noch in Alanya. Im TV sah ich, dass Erdogan für ein Benefizfußballspiel zwischen den Weltstars und einer türkischen Mannschaft, Werbung machte. Es war ein Samstag. Da ich alles genau registriere, was um mich herum passiert, merkte ich, dass Erdogan an den folgenden Tagen nirgendwo zu sehen war. Nicht einmal in seinen Medien, die über 95% der Medienlandschaft der Türkei ausmachen, war irgendetwas zu lesen. Mir hätte schon gereicht, wenn man geschrieben hätte, dass er Urlaub macht.

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Allein so etwas zu schreiben klingt unwirklich. Erdogan und Urlaub. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Kein Erdogan, wo er doch sonst in seinen Medien fast 90% der Nachrichten, wenn nicht noch mehr, ausmacht. Die Situation muss der Bevölkerung so gut bekommen sein, dass man seine Stimme nicht mehr hörte, dass sich niemand dafür interessierte, wo er abgeblieben war. Ich natürlich hoffte, dass er sich irgendwohin abgesetzt hätte, was aber zu der Zeit schon ein sehr utopischer Gedanke war, wo er doch im Jahr 2017 durch ein Referendum zum absoluten Alleinherrscher sich wählen lassen würde.

Ich arbeitete noch in meinem Büro in Alanya als mich mein Sohn anrief und sagte: „Baba, schalte den Fernseher ein, es gibt Krieg!“ Es war gegen 22 Uhr Ortszeit. Schon die Uhrzeit war seltsam, denn die Putsche passieren immer nach Mitternacht, wenn alle schlafen. Die Bosporus-Brücke war einseitig blockiert durch die Soldaten und auf der Spur, von Europa nach Asien floss der Verkehr. Eine unwirkliche Szene für einen Putsch, wo nur auf der einen Spur geputscht wird und auf der anderen das Leben normal weiterzugehen schien.

Bevor ich mich darüber auslasse. Es sind Menschen ums Leben gekommen, durch Kugeln von jungen Soldaten, die Befehle von einigen wenigen Kommandeuren folgten und glaubten, es wäre eine Übung. Provakanten, die sich in die Menge einmischten, waren auch dabei. Mögen die Toten der Geschehnisse in Frieden ruhen.

Was ist das für ein Putsch gewesen? Rechts wird geputscht, wobein man den jungen Soldaten gesagt hatte, sie sollen die eine Seite absperren und auf der anderen Seite geht das Leben weiter.

Kommen wir zu den Geschehnissen. Sofort zappte ich durch alle Fernsehsender, wohlwissend, dass bei einem Putsch sofort alle Sender ausgeschaltet werden, bis auf einen staatlichen Sender, der dann durch die Putschisten das Volk informiert. Nix da!

Alles funktionierte wie gehabt, auch wenn sie vom eigentlichen Programmablauf abgekommen waren. Ein Sender strahlte z.B. statt Nachrichten, das Leben der Pinguine am Pol aus und wurde damit nachher zur Lachnummer.

23:10 Uhr dann, tauchte Erdogan, der große Meister, der eine Woche untergetaucht war, im Handy-Video-Chat einer Nachrichtensprecherin auf. Er beschwor alle zur Zusammenhalt und Kampf mit den Putschisten.

Dass das „Putschähnlicheirgendwas“ tatsächlich so etwas war, kann man auch anhand der Zahlen aufzeigen. Die Zahlen sind von der TSK, also von oberster Stelle der Armeeführung der Türkei. An der Aktion nahmen 8651 Soldaten teil. Die türkische Armee hat aber 355.000 Soldaten. Diese lächerlich kleine Rumpfarmee von 8.651 Soldaten wurden von 35 Kampfjets unterstützt. Die Türkei hat aber 1.056 Kampfjets. Wenn man sich jetzt noch vor die Augen führt, dass die Türkei von der Fläche her mehr als doppelt so groß wie Deutschland ist, wird man schnell feststellen, dass die Aktion an sich schon zum Scheitern verurteilt war.

Ich halte mich an die Berichte der EU und deren Geheimdienste, die mir recht plausibel erscheinen. Sie haben herausgefunden, dass der türkischen Geheimdienst, um die gülenistischen Offiziere und Generäle in der türkischen Armee zu verunsichern und zum Putschähnlichenirgendwas zu ,verleiten unter der Hand rundgehen ließen, dass am 17. 07. eine Verhaftungswelle gegen diese losgehen würde. Das zwang die besagte Gruppe zu einem panischen und schnellen Handeln. Sie waren zu wenige, schlecht organisiert und ohne einen wirklichen Plan, wie alles erfolgreich verlaufen sollte. Alles basierte auf „Hoffnung“, dass andere sich daran anschlossen.

Das „Putschähnlicheirgendwas“ war von den Strategen um Erdogan sehr gut geplant worden. So zwangen sie die gülenistischen Generäle und Offiziere, zu denen sie bis vor wenigen Jahren selber gehörten, aber mittlerweile zum Feind erklärt hatten, zu handeln.

Da Erdogan sich immer in der Opferrolle sieht, war das alles ein gefundenes Fressen für ihn. Fast hätte es beim Referendum 2017 dennoch nichts genutzt, aber er ließ die Millionen von ungültigen Stimmen als „JA“ für ein Einmannregime zählen und gut wars.

Der 15. Juli 2016 ist eines der schwärzesten Tage in der Geschichte der türkischen Republik und zwar, nicht weil viele unschuldige Menschen dabei umkamen, nicht nur, nein, weil Erdogan danach alles an sich reißen und die Türkei, wirtschaftlich wie gesellschaftlich in den Abgrund ziehen konnte.

 

 

 

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