Ciragan Palast: Der wahrgewordene Traum meines Vaters

Ciragan Palast in voller Pracht. Foto: A. Savin

Allein der Gedanke daran, konnte Dich in der früheren Türkei ins Gefängnis bringen, aber heute ist es normal, wenn man die Türkei an die ausländischen Investoren, besonders denen aus Katar, verscherbelt.

Zunächst einmal stelle ich Euch das Objekt der Begierde vor. Der Ciragan Palast ist ein ehemaliger Sultanspalast an einem der schönsten Stellen am Bosporus.

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Mary Wortley Montagu, die Ehefrau des englischen Botschafters Edward Wortley Montagu im Osmanischen Reich, beschrieb um 1717 in einem Brief den Çırağan-Palast mit den Worten: „Er steht an einem der wunderschönsten Orte am Bosporus und dahinter befindet sich ein Hügel mit einem herrlichen Wald. Seine Ausmaße sind erstaunlich; die Wache versicherte mir, er beherberge achthundert Zimmer, was ich allerdings weder bestätigen noch bestreiten kann, da ich sie nicht gezählt habe; allerdings ist die Anzahl sicherlich sehr groß, und alles ist geradezu verschwenderisch mit Marmor, Gold und wunderbaren Malereien von Früchten und Blumen verziert. Die Fenster sind mit feinstem Kristallglas aus England bestückt, und hier erlebt man all die kostspielige Pracht, die man von einem Palast erwartet, der von einem jungen Mann errichtet wurde, der über den ganzen Reichtum eines großen Imperiums verfügt.“

Was die Lady nicht wusste war, dass danach der Palast mehrmals abgerissen und neu wieder aufgebaut wurde, trotz des Prunks, die man eigentlich hätte versuchen sollen zu erhalten.

Nicht, weil die Sultane der Zeit zu viel Geld hatten, nein, ganz im Gegenteil, das Osmanische Reich befand sich in der Phase des Abstiegs und lebte nur auf Pump. Sie waren aber süchtig nach Glanz und Glamour. Glaubten wie der heutige Herrscher, nur was groß ist und glänzt, zeigt die wahre Größe einer Nation. Was für ein Irrglaube.

Abreißen, Bauen, Abreißen, Bauen…

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Anwesen vom Großwesir des Sultans Selim III. gekauft, der das Gebäude abreißen und vom armenischen Architekten Krikor Balyan 1805 einen neuen Palast als Geschenk für den Herrscher errichten ließ. Dieser wiederum gab das Anwesen an seine Schwester Beyhan weiter, die das Geschenk jedoch nicht annehmen wollte. In der Folge benutzte Sultan Mahmud II. die Anlage als Sommerresidenz. Er ließ den Palast erneut abreißen, um ihn diesmal vom Architekten Garabed Balyan in prachtvollem Stil neu zu erbauen. 1855 entschloss sich Sultan Abdülmecid I., seinen offiziellen Wohnsitz im Palast von Dolmabahçe zu nehmen. Dies bewirkte einen neuerlichen Abriss und Wiederaufbau, diesmal durch Nigogos Balian. Der Bau konnte aber wegen politischer Krisen und damit verbundener finanzieller Probleme erst 1857 unter Sultan Abdülaziz fertiggestellt werden. Unter Sultan Abdülaziz erfuhr dar Palast einen architektonischen Stilwechsel hin zum Arabischen, wofür Künstler nach Nordafrika und Spanien entsandt wurden, um Kopien dortiger berühmter Gebäude zu erstellen. Der Legende nach wurden die Pläne des Baus aufgrund der wechselnden Wünsche des Herrschers zwanzigmal neu erstellt.

1910 brennt der Palast bis auf die Grundmauern ab.

1910 dann die komplette Zerstörung durch einen Brand.

1910 wurde der Palast bei einem Brand zerstört. Nur die Außenmauern blieben erhalten. 1946 wurde die Gebäuderuine mitsamt dem Park vom Parlament an die Gemeinde Istanbul übergeben. Die Gemeinde nutzte die Ruine am Bosporus als Baustoffdepot und Sportplatz.

Wieder konnte man die Wertschätzung für historische Bauten sehen. Wie kann man solch einen ehemaligen Prunkbau, dann noch direkt am Bosporus, als Baustoffdepot der Stadt benutzen?

Dr. Ing. Reyyan Dener, von denen Söhnen immer nur  „Doktor“ genannt. (1929-1994)

1978 riskiert mein Vater, ohne ahnen zu können, dass er überhaupt etwas riskiert und unterbreitet einen Vorschlag, wie man die Ruine wieder zurückgewinnen kann.

Mein Vater Dr. Ing. Reyyan Dener wollte Investoren finden, die die Ruine, wobei nur die Außengemäuer noch da waren, in ein Hotelkomplex umwandeln sollten. Mit seinem guten Freund Fuchs Markowich, seines Zeichens Architekt, ließ er ein Modell bauen, wie später der Ciragan Palast ausschauen sollte. Mit der Idee im Gepäck und das 30 Kilo Modell schleppend reisten sie nach Ankara. Wer dachte, dort würden sie mit offenen Armen empfangen werden, sah sich getäuscht. Der Grundtenor war: „Der Mann möchte türkische Werte, türkische Geschichte, an Ausländer veräußern.“ Mein Vater, der nur Gutes im Sinn hatte, wurde verklagt.

Wie ich schreibe, staune ich immer wieder, dass man von türkischen Werten spricht und selber als Depot für die Stadtverwaltung Istanbul benutzt. Außerdem, heute, zu Zeiten des politischen Islams, wo dem Alleinherrscher nichts mehr heilig zu sein scheint, wird alles verscherbelt.

Damals hörten die Gerichte bzw. die Richter noch zu und handelten nach den Gesetzen. So verteidigte sich mein Vater, ohne Rechtsanwalt selber. „Wie kann man wegen einem Gedanken, welches der Türkei und der Stadt Istanbul nur Vorteile bringen würde, verklagt und womöglich bestraft werden?“ lautete seine Verteidigung. Außerdem, die Behauptung, dass er Historisches verkaufen wollte, war auch nicht haltbar. Es war schließlich Eigentum der Stadt Istanbul und gehörte nicht meinem Vater. Die Klage wurde fallen gelassen.

Ciragan Palast Kempinski

Keine zehn Jahre später, als ich die Lufthansa Hotelgesellschaft vertritt und nach Standorten Ausschau hielt, kam mir abermals der Gedanke, die Idee von meinem Vater vorsichtig aufleben zu lassen, zumal 1985 Lufthansa Anteile von Kempinski AG erwarb. Ich dachte Ciragan Palast und Kempinski, das wäre doch was, zumal Lufthansa die Marke Kempinski International positionieren wollte. Wie üblich in der Türkei, wenn man eine Idee ausgesprochen hat, verselbstständigt sich dieser und der Ideengeber selber, hat zumeist nichts mehr davon. Wenigstens hatte ich mit Kempinski die Betreiber-Seite sicher im Gepäck.

Eine japanische Investorengruppe baute Ciragan Palast, bei Erhaltung der Außengemäuer neu. Die Kempinski Hotelgruppe gehört mehrheitlich, seit langem der thailändischen Königsfamilie an.

Das Ciragan Kempinski Istanbul gehört heute zu den Top 10 Hotels weltweit. Wenn der jetzige Herrscher weg ist und ich wieder Istanbul inhalieren kann, werde ich fast jeden Tag am Ciragan Palast mit dem Schiff vorbeifahren, meinen Kaffee dort trinken und an meinen Vater denken. Der wahrgewordene Traum eines Mannes, meines Vaters, der alle überleben wird.

 

 

 

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